Ein palästinensisches Mädchen steht nach einem nächtlichen Angriff vor dem zerstörten Sheikh-Radwan-Gesundheitszentrum im Norden von Gaza-Stadt, 6. August 2025. © OMAR AL-QATTAA/AFP via Getty Images
Ein palästinensisches Mädchen steht nach einem nächtlichen Angriff vor dem zerstörten Sheikh-Radwan-Gesundheitszentrum im Norden von Gaza-Stadt, 6. August 2025. © OMAR AL-QATTAA/AFP via Getty Images
presse

Amnesty International Jahresbericht 2025/26: Welt am Rande einer gefährlichen neuen Ära

21. April 2026
  • Das Jahr 2025 war geprägt von aggressiven Angriffen auf den Multilateralismus, das Völkerrecht und die Zivilgesellschaft
  • Es droht eine rassistische, patriarchale, ungleiche und rechtsfeindliche Weltordnung
  • Demonstrierende, Aktivist*innen und internationale Organisationen leisten Widerstand und versuchen, diese Entwicklung zu durchbrechen

Die Welt steht am Rande einer gefährlichen neuen Ära. Mächtige Staaten, Konzerne und menschenrechtsfeindliche Bewegungen greifen Multilateralismus, Völkerrecht und die universellen Menschenrechte systematisch an. In ihrem heute veröffentlichten Jahresbericht warnt Amnesty International: Wenn die Staatengemeinschaft diese Angriffe weiter duldet, droht ein gefährliches Zeitalter, geprägt von Ungleichheit, Straflosigkeit und der systematischen Missachtung grundlegender Rechte.

„Wir erleben einen historischen Kipppunkt. Transnationale menschenrechtsfeindliche Bewegungen und rücksichtslose Regierungen attackieren gezielt die Grundlagen der Menschenrechte, um Macht, Kontrolle und Profite zu sichern”, sagt Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International. 

Was sich heute abzeichnet, ist kein schleichender Abbau an den Rändern des Systems mehr, sondern ein offener Angriff auf dessen Fundament. Mächtige Akteur*innen untergraben internationale Institutionen, missachten das Völkerrecht und befördern die Straflosigkeit – mit verheerenden Folgen für Millionen von Menschen weltweit.

Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International

Bedrohliche Aushöhlung des Völkerrechts

Amnesty dokumentiert eine dramatische Zunahme schwerster Völkerrechtsverbrechen und zunehmende Angriffe auf das internationale Rechtssystem. Israel hat seinen Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen trotz des Waffenstillstandsabkommens vom Oktober 2025 fortgesetzt, sein Apartheid-System aufrechterhalten und die Ausweitung illegaler Siedlungen im besetzten Westjordanland beschleunigt. Israelische Behörden haben es Siedlern zunehmend gestattet oder sie sogar dazu ermutigt, Palästinenser*innen ungestraft anzugreifen. 

Die USA verübten durch die Bombardierung von Schiffen in der Karibik und im Pazifik über 150 außergerichtliche Hinrichtungen und starteten im Jänner 2026 einen Angriff auf Venezuela. Russland verstärkte seine Luftangriffe auf wichtige zivile Infrastruktur in der Ukraine.

Die Vereinigten Arabischen Emirate heizten den Konflikt im Sudan an, indem sie den Rapid Support Forces moderne Waffen lieferten. Diese hatten nach einer 18-monatigen Belagerung die Kontrolle über El Fasher übernommen und massive Morde an Zivilist*innen sowie sexuelle Gewalt begangen.

Der rechtswidrige Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran und die folgenden Vergeltungsschläge, gefährdeten das Leben von Millionen Zivilist*innen – von der Tötung von über 100 Kindern bei einem US-Angriff auf eine Schule bis hin zu verheerenden Angriffen auf die Energieinfrastruktur.

In Afghanistan verschärften die Taliban ihre repressive Politik gegenüber Frauen durch weitere Verbote bei Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit. Im Iran wurden Proteste Anfang 2026 mit tödlicher Gewalt niedergeschlagen.

Die USA, Israel und Russland haben internationale Mechanismen der Rechenschaftspflicht, insbesondere den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), weiter untergraben. Die Trump-Regierung verhängte Sanktionen gegen IStGH-Mitarbeiter*innen. Mehrere Staaten traten aus dem Römischen Statut aus oder kündigten dies an. Die Europäische Union und die meisten europäischen Staaten haben die Angriffe auf das Völkerrecht hingenommen und es versäumt, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um Israels Völkermord zu stoppen oder Waffenlieferungen zu beenden.

Zunehmende Angriffe auf die Zivilgesellschaft

Angriffe auf die Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen verschärften sich 2025 weltweit. Regierungen in Afghanistan, China, Ägypten, Indien, den USA und Venezuela gingen gewaltsam gegen Proteste vor, kriminalisierten Dissens durch Anti-Terror- und Sicherheitsgesetze oder griffen auf missbräuchliche Polizeitaktiken, Verschleppungen und außergerichtliche Hinrichtungen zurück. Die Behörden in Nepal und Tansania setzten unrechtmäßig tödliche Gewalt ein, um Demonstrationen zu unterdrücken. In der Türkei wurden Hunderte friedlicher Demonstrant*innen festgenommen, nachdem der Istanbuler Bürgermeister und Präsidentschaftskandidat Ekrem İmamoğlu in einem politisch motivierten Verfahren verhaftet worden war.

Viele Regierungen setzten Spionagesoftware und digitale Zensur ein, um die Meinungsfreiheit einzuschränken. US-Behörden nutzten KI-gestützte Überwachungsinstrumente, um ausländische Studierende, die ihre Solidarität mit Palästinenser*innen bekundeten, zu verhaften und auszuweisen. Serbien setzte digitale Forensik-Tools gegen Demonstrant*innen und Journalist*innen ein, Kenia setzte systematisch auf Online-Einschüchterung und unrechtmäßige Überwachung.

Die US-Behörden gingen unrechtmäßig gegen Migrant*innen, Geflüchtete und Asylsuchende vor und begingen dabei unnötige und übermäßige Gewaltanwendung, willkürliche Inhaftierungen sowie Praktiken, die Folter und dem Verschwindenlassen gleichkamen.

Unter anderem kündigten die USA, Kanada, Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich drastische Kürzungen der Budgets für internationale Hilfe an oder setzten diese um – obwohl sie wussten, dass dies wahrscheinlich zu Millionen vermeidbarer Todesfälle führen würde. Gleichzeitig verpflichteten sie sich in mehreren Fällen zu massiven Erhöhungen der Militärausgaben.

Auch im Kampf gegen die Klimakrise versagten die Regierungen, während die Vereinten Nationen warnten, dass die Welt auf eine Erwärmung von 3 °C bis 2100 zusteuert.

Die Zivilgesellschaft und internationale Organisationen leisten Widerstand

Unbeeindruckt von Widrigkeiten leisten Millionen Menschen weltweit Widerstand. Proteste der Generation Z erfassten 2025 mehr als ein Dutzend Länder, darunter Indonesien, Kenia, Madagaskar, Marokko, Nepal und Peru. Rund 300.000 Menschen widersetzten sich dem ungarischen Verbot der Budapest Pride, um die Rechte von LGBTQIA+-Personen zu verteidigen. Anfang 2026 organisierten sich Demonstrierende von Los Angeles bis Minneapolis gegen gewalttätige Razzien der US-Einwanderungsbehörden.

Massendemonstrationen gegen Israels Völkermord breiteten sich weltweit aus. Aktivismus und rechtlicher Druck führten dazu, dass mehrere Staaten Waffenexporte nach Israel einschränkten. Eine wachsende Zahl an Staaten erkannte an, dass Israel Völkermord begeht, und schloss sich der Haager Gruppe an, die sich für internationale Rechenschaftspflicht einsetzt.

„Von den Straßen der Städte bis hin zu multilateralen Foren bot das Jahr 2025 eindrucksvolle Beispiele für Widerstand und Solidarität seitens Demonstrant*innen, Diplomat*innen und politischer Führungen. Wir müssen mutige Bündnisse schmieden, um die Weltordnung neu auf Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und universelle Werte auszurichten“, sagt Agnès Callamard.

Möge 2026 das Jahr sein, in dem wir zeigen, dass Geschichte nicht nur etwas ist, das uns aufgezwungen wird, sondern dass es an uns liegt, sie zu gestalten.

Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International

Genozid in Gaza: Gegen das Schweigen und für die Opfer

Jetzt spenden!