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Wie der Krieg die ukrainische Stand-up-Comedy verändert hat – und warum Lachen plötzlich zur Überlebensstrategie wird.
Von Anastasiia Krynytska
Kyjiw. Ein Freitag, dessen Verlauf bis jetzt überraschenderweise nicht von Sirenen des Luftalarms unterbrochen wurde. Pavlo hat seine Arbeit im Büro im Zentrum beendet und überlegt, was er diesen Abend macht. Er wirft einen Blick auf den Event-Kalender der Stadt: Von den 19 angezeigten Veranstaltungen sind 9 Theateraufführungen, ein paar Musikkonzerte und 8 Stand-up-Comedy Shows.
„Ich gehe fünf bis sechs Mal pro Monat zu Stand-up-Auftritten; das fühlt sich immer so an, als hätte ich mit Freunden auf einem Sofa zusammengesessen.“ Pavlo kennt die Comedians, kennt die Namen der Clubs, zu denen sie gehören. Er schwankt kurz zwischen Stand-up Fridays und der Impro-Show „Kurilka“, entscheidet sich dann aber doch für Letztere. „Dort treten nur Frauen auf, und sie sprechen über ihre persönlichen Themen – das ist immer erfrischend und ein bisschen unerwartet“, lacht er.
Was er erlebt, spiegelt eine landesweite Entwicklung wider: Der groß angelegte russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der 2022 begann, ließ die Nachfrage nach Stand-up in der Ukraine stärker steigen als in all den Jahren der Corona-Krise zuvor. Alleine in den ersten sechs Monaten des Krieges stieg die Zahl der Abonnent*innen des YouTube-Kanals „Pidpilnyi Standap“ von 80.000 auf 140.000, beim „STAND UP Battle Club“ von 20.000 auf 69.000. Mehr als 20 neue Comedy Clubs entstanden allein in Kyjiw, dazu Dutzende neue Formate von Online-Shows. Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich durch die Abkehr der ukrainischen Bevölkerung von russischen Formaten erklären, die bis 2022 aktiv konsumiert wurden. Noch wichtiger ist jedoch die eher soziale Funktion des Stand-ups als Form der Bewältigung.
Viele Humor-Theoretiker*innen, darunter John Vorhaus, betonen eine einfache, aber über Jahrhunderte bestätigte Formel: „Komik = Wahrheit + Schmerz“. Mark Twain soll bereits vor mehr als hundert Jahren gesagt haben: „Humor is tragedy plus time“. Selbst die UNICEF hat den Zusammenhang zwischen Humor und Krieg erkannt: 2022 veröffentlichte sie eine kleine Broschüre über Sicherheit im Krieg für Jugendliche. Zwischen Warnungen, Fremden nicht zu vertrauen und keine verdächtigen Gegenstände anzufassen, stand auch ein Rat: „Vergiss den Humor nicht. Er hilft, Hoffnung auf Besseres zu entwickeln“.
Wir Menschen machen Witze, wenn wir unangenehme Geschichten erzählen. Wir machen Witze, wenn wir mit Freund*innen Erfahrungen teilen und sie mit uns lachen – dann fühlen wir uns gehört. Deshalb wurden mit Beginn des großen Krieges Themen wie das Verlassen des eigenen Wohnortes, Luftalarme, Beschüsse, Bunker und Ausgangssperre zum zentralen Material für Stand-ups. Stimmten die Erfahrungen von Comedian mit ihrem Publikum früher nicht überein, vereinen sie heute die Erfahrungen des Kriegs.
„In dieser Anfangszeit entwickelte sich die Ukrainische Comedy nicht aus dem Wunsch heraus möglichst populär zu sein, sondern aus dem Gefühl, der Notwendigkeit“, erinnert sich Jan Lomakin, ukrainischer Humorist, an den Beginn des Krieges.
Jan, 23 Jahre alt, interessiert nicht nur das Auftreten, sondern auch das Erforschen, das Eintauchen in die Theorie und das Austesten der Grenzen in der Praxis. Seinen Worten nach ist Humor ein vielschichtiges Phänomen – eine Kraft, die Verantwortung mit sich bringt. „Ein Witz kann einen Konflikt auslösen oder ihn beenden. Er kann ein Stereotyp in dir verankern oder dich zum Nachdenken bringen.“ Für Jan ist Humor eine universelle Sprache. Gleichzeitig müsse man in einer Gesellschaft, in der viele Menschen mit Trauer und Verlust leben und potenziell jede*r Zweite psychisch stark belastet ist, vorsichtig sein.
„Als Faustregel gilt: Du kannst nur über das Witze machen, was du selbst erlebt hast“, sagt er. „Theoretisch kann ich über Gleitbomben Witze machen, niemand verbietet es.“ Doch, wenn eine Erfahrung nicht durch echtes Erleben validiert wird, steigt das Risiko etwas zu berühren, das bei jemand anderen, der diese Erfahrung gemacht hat, Schmerz oder Wut auslöst.

„Das Inspirierendste, was ich während des groß angelegten Angriffskriegs gegen die Ukraine erlebt habe, war mein Auftritt in einem Club in Kharkiv“, erzählt Jan. Kharkiv, eine junge Studentenstadt, in der vor dem Krieg zwei Millionen Menschen lebten, hat heute nur noch einen einzigen offenen Stand-up-Club. „Das ist wahrscheinlich das freundlichste Publikum, das ich je gesehen habe. Sie waren einfach dankbar, dass ich gekommen bin, um sie zum Lachen zu bringen.“ Während seines Auftritts wurde er von zwei Personen, die mit ihm zu reden begannen, mehrmals unterbrochen. Zunächst war er davon irritiert, doch nach der Show kamen sie auf ihn zu und da verstand er: „Das war keine Unhöflichkeit. In einer Stadt, in die jede Stunde Bomben einschlagen, geht man mit einer anderen Erwartung zum Stand-up: man will lachen, man will interagieren, man will leben.“
Ganz andere Erfahrung macht Artur Valenkevych. Er ist 26 Jahre alt, stammt aus der Ukraine und lebt in Prag, wo er tagsüber als Bauingenieur arbeitet. Seine eigentliche Leidenschaft gilt jedoch dem Stand-up: Seit 2017 versucht er unermüdlich, das Format in Tschechien zu etablieren. 2021 gründete er in der Hauptstadt den Stand-up Club Cherry, der heute zu den größten in Europa gehört. Derzeit organisiert er mit seinen Kolleg*innen etwa zwei bis drei Veranstaltungen pro Woche. Seit 2022 sind diese hauptsächlich für ein ukrainisches Publikum gedacht, wobei es ab und zu auch Abende auf Tschechisch gibt. „Die ukrainische Stand-up-Community im Ausland ist nicht besonders aktiv. Viele Ukrainer*innen schauen lieber bekannte Comedians online, als zu lokalen Shows in Prag zu gehen.“
Wie sich herausstellte, ist es sehr schwierig, außerhalb der Ukraine Stand-up als Hobby zu betreiben. Der Hauptgrund dafür ist die fehlende Infrastruktur, so Artur: „In der Ukraine gibt es bereits funktionierende Plattformen. Wenn du in Europa auftreten willst, musst du zuerst selbst einen Club gründen, eine Plattform schaffen, Zuschauer finden und dazu noch die Werbung machen.“
Trotz der geringen Nachfrage im Ausland ist bei den Zuschauer*innen eines deutlich zu spüren: der Wunsch, ein Stück Heimat zu spüren. Das Thema Krieg bleibt dabei umstritten. „Allen kann man es nicht recht machen. Manche wollen gar nicht darüber sprechen, andere kommentieren, dass der Krieg nicht genug thematisiert wurde“, erzählt Artur.
Doch diese unterschiedlichen Sichtweisen verstummen schnell, sobald es um die dringend notwendige Unterstützung der Ukraine geht. Ob für Ukrainer*innen im Ausland, für jene, die im Land geblieben sind, für das Publikum oder für die Comedians selbst – es gibt einen unausgesprochenen Konsens: Priorität bleibt es, die Bedürfnisse der Ukraine zu erfüllen.
„Für mich ist Humor heute mit dem Wort ‚Hilfe‘ verbunden“, sagt Artur. Sein Club hat in den vier Jahren mehr als 200.000 Euro an Spenden gesammelt. Auch für Jan gehen Comedy-Auftritte und Spendenaktionen längst Hand in Hand. „Spenden während des Auftrittes zu sammeln, gibt so ein starkes Gefühl der Beteiligung an etwas Größerem, dass ich nicht weiß, ob Comedians nach dem Ende des Krieges überhaupt aufhören können, Hilfsbeiträge zu generieren“, lacht er.
Auch für das Publikum gehört das Spenden längst zum üblichen Ablauf. Pavlo schaltet das Licht aus, tritt hinaus auf die lebhafte Straße und prüft schnell, ob er Bargeld dabei hat. Wenn nicht – auch kein Problem: Spenden lassen sich heute in wenigen Sekunden bequem per QR-Code überweisen. Er freut sich auf die entspannte Atmosphäre des Pubs und auf das gemeinsame Lachen. Denn, wie man so schön sagt: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Und in der heutigen Ukraine im fünften Jahr des großen Krieges will man keinen einzigen Tag mehr verlieren.
Anastasiia Krynytska arbeitet als freie Journalistin und Aktivismus-Koordinatorin bei Amnesty International Österreich.

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