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Gotta catch ‘em all: Memes in Zeiten der Faschisierung

Memes gelten als verspielt, subversiv und „von unten“. Doch was passiert, wenn plötzlich Regierungen genau diese Ästhetik nutzen, um sich selbst neu zu inszenieren?

Von Anahita Neghabat

„Gotta catch ’em all!“ – unterlegt mit dem ikonischen Soundtrack von Pokémon, sehen wir Anime-Charakter Ash, wie er entschlossen Pokébälle wirft. Dazwischen reale Szenen staatlicher Gewalt. Männer werden von Polizeibeamten zu Boden gedrückt, in Handschellen abgeführt, ihre Körper sichtbar gezeichnet von Gewalt. Dieses Video stammt vom offiziellen Account des U.S. Department of Homeland Security auf X.

Ein anderes Beispiel zeigt US-Raketen, die iranische Fahrzeuge zerstören, unterbrochen von SpongeBob Schwammkopf der fragt: „You wanna see me do it again?“ – gepostet vom White House auf TikTok.

Was hier geschieht, ist mehr als geschmacklose Provokation. Es markiert eine Verschiebung politischer Kommunikation. Staatliche Gewalt wird nicht nur legitimiert, sondern ästhetisch umcodiert – in humorvolle, popkulturelle Formate, die Nähe erzeugen, Distanz abbauen und Gewalt affektiv konsumierbar machen.

Anahita Neghabat, Sozialanthropologin, Künstlerin und Aktivistin

Diese Ambivalenz ist mir nicht fremd. Meine eigene Arbeit mit Memes begann 2019 im Kontext der Ibiza-Affäre Mit dem Account @ibiza_austrian_memes begann ich politische Memes auf Instagram zu posten. Was als spontane Reaktion auf kollektive Erleichterung nach dem Zerfall der schwarz-blauen Koalition begann, entwickelte sich schnell zu einem politischen Werkzeug – und zu einer Erkenntnis: Memes können als niedrigschwellige, kollektiv produzierte Medien demokratische Funktionen übernehmen, indem sie es insbesondere marginalisierten Positionen ermöglichen, subversiv in dominante Diskurse zu intervenieren. Memes eröffneten mir die Möglichkeit, hegemoniale Narrative zu unterlaufen und eine intersektional-feministische, antirassistische Perspektive sichtbar zu machen.

Wie die Kommunikationswissenschaftlerin Limor Shifman zeigt, sind Memes zirkulierende kulturelle Einheiten, die durch Remix, Wiederholung und Konkurrenz um Aufmerksamkeit wirken. Ihre Stärke liegt in ihrer Niedrigschwelligkeit. Sie sind zugänglich, kollektiv produzierbar und emotional aufgeladen. Gerade für marginalisierte Positionen können sie Räume der Wiedererkennung schaffen – und damit Formen von Gegenöffentlichkeit stabilisieren.

Auch ihre Ästhetik ist politisch: Die bewusst „trashige“ Do-it-yourself-Form signalisiert Distanz zu etablierten Medien und kodiert sich als Stimme „von unten“. Entscheidend ist jedoch, dass diese Form nicht nur Inhalte transportiert, sondern eine spezifische Positionierung performt: Memes inszenieren sich als Ausdruck unterdrückter, nicht-repräsentierter Perspektiven – als vermeintliche Artikulation des „Volkes“ jenseits elitärer Diskurse.

Genau hier setzt meine Kritik an. Dieser subversive Code wird zunehmend von hegemonialen Akteur*innen strategisch angeeignet. Wenn Institutionen wie das Department of Homeland Security oder das Weiße Haus Meme-Ästhetiken nutzen, appropriieren sie die Semantik des Marginalen, um sich selbst als anti-elitär und volksnah zu inszenieren. Es entsteht eine paradoxe Konstellation: Die mächtigsten politischen Akteur*innen bedienen sich einer Ästhetik, die historisch mit Widerständigkeit, Prekarität und Ausschluss verbunden ist – und verschleiern dadurch ihre eigene strukturelle Machtposition.

Mein zentrales Argument ist daher: 

Meme-Ästhetiken fungieren als affektive und diskursive Infrastruktur, durch die hegemoniale Macht sich selbst als Gegenmacht inszenieren kann. Sie produzieren eine populistische Kurzschließung, in der staatliche Gewalt nicht als Herrschaft, sondern als vermeintlicher Ausdruck eines diffusen „Volkswillens“ erscheint.

Anahita Neghabat, Sozialanthropologin, Künstlerin und Aktivistin

Wie wirksam diese Logik ist, zeigt sich in der Praxis. In meiner Arbeit am Institut für Migrationspädagogik erlebe ich, wie stark Memes die politische Wahrnehmung von Jugendlichen prägen – insbesondere bei männlichen Schülern. Als während eines Workshops über Rassismus ein rassistisches Meme geteilt wurde, lautete die Rechtfertigung: „Es ist nur ein Witz.“

Diese Logik ist zentral. Humor fungiert als Schutzschild gegen Kritik. Inhalte können Gewalt, Rassismen und Verschwörungserzählungen transportieren und sich gleichzeitig jeder Verantwortungsübernahme entziehen. Zugleich vermitteln sie im Subtext, eine vermeintlich unterdrückte Mehrheitsmeinung zu repräsentieren.

Memes wirken damit auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Sie emotionalisieren Inhalte, naturalisieren bestimmte Deutungen und immunisieren sich gegen Kritik. Ihre Reichweite sorgt dafür, dass sie nicht nur beeinflussen, wie wir denken, sondern vor allem, worüber wir überhaupt nachdenken.

Dass in Workshops, die ich an Schulen halte, immer wieder etwa transfeindliche Memes referenziert und reproduziert werden, ist daher kein Zufall. Neben der konkreten inhaltlichen Bearbeitung und Entkräftung stelle ich deshalb auch andere Fragen an die Schüler*innen: Warum beschäftigen euch Themen so stark, die euren Alltag kaum betreffen? Woher habt ihr diese Infos und Ideen? Welche politischen Fragen, die euch tatsächlich betreffen, geraten dadurch aus dem Blick? Und wem nützt es, wenn öffentliche Aufmerksamkeit auf die Existenz marginalisierter Gruppen gelenkt wird, statt auf strukturelle Ungleichheiten?

Memes sind kein harmloses Nebenprodukt digitaler Kultur, sondern ein umkämpftes Feld politischer Bedeutungsproduktion und zunehmend wesentliche Instrumente staatlicher Propagandamaschinerien. Sie eröffnen Räume für Widerstand und Solidarität und fungieren zugleich als Instrument hegemonialer Macht, indem sie diese als subversiv, marginal und „volksnah“ reinszenieren. Entscheidend ist daher nicht das Format selbst, sondern die Machtverhältnisse, in die es eingebettet ist und die politischen Projekte, die es stabilisiert.

Anahita Neghabat ist Sozialanthropologin, Künstlerin und Aktivistin. Sie beschäftigt sich mit kritischer Bildung, intersektionalem Feminismus und (antimuslimischem) Rassismus. Bei „Vielmehr für alle! – Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe“ arbeitet sie als Leitung des Instituts für Migrationspädagogik und als Trainerin bei PROSA – Projekt „Schule für Alle! für Menschen mit Fluchterfahrung“. Seit 2019 kommentiert sie als @ibiza_austrian_memes mit satirischen Bildern die österreichische Innenpolitik und hält politische Meme-Workshops mit Jugendlichen und Erwachsenen. 

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