v.l.n.r. Alexa Oetzlinger, Der Kuseng, Flona © Amnesty International / Julia Trampitsch
v.l.n.r. Alexa Oetzlinger, Der Kuseng, Flona © Amnesty International / Julia Trampitsch
aus dem magazin

Einander im Witz begegnen

Humor lenkt Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Probleme und regt dort zum Nachdenken an, wo sonst vielleicht Widerstand wäre. Warum Lachen gut tut? Vielleicht, um Dinge auszuhalten, die sonst schwer zu ertragen wären. Ein Besuch vor und hinter den Kulissen von Österreichs Comedy- und Kabarettbühnen. 

Text und Bilder von JULIA KNICHEL und JULIA TRAMPITSCH

Vor der Bühne des „Spektakel Wien“ findet sich nach und nach das Publikum ein. Viele Frauen*, vor allem junge Menschen, Umarmungen, einige kennen einander. Der Saal füllt sich bis auf den letzten Platz. Das Licht geht aus, Nicki Minajs Song „Starship“ wird laut, das Publikum auch. „Let’s go to the beach-each, let’s go get away…“ dröhnt aus den Boxen. Auf der Bühne erscheint Flona in Badeanzug, eine Schwimmente unter dem Arm.

Kurz darauf schildert sie, wie sie als Kind dachte, ihre Familie würde zum Strandurlaub an die Türkische Riviera fahren (deshalb der Badeanzug), bis ihr klar wurde, dass ihr Vater ihre Flucht aus Syrien meinte. Es sind Witze wie diese, die einem kurz im Hals stecken bleiben – und das sollen sie auch.

Flona ist Comedian und Teil von PCCC* (Politically Correct Comedy Club), Wiens erstem queeren Comedy-Club. Aufgewachsen ist sie in Syrien, mit drei Brüdern und in einem Umfeld geprägt von Krieg, Patriarchat und wenig Raum für Widerspruch.

Was Comedy für sie bedeutet? „Ich wollte viel reden, ohne unterbrochen zu werden.“ Dass sie auf die Bühne gehört, wusste Flona schon lange. „Es war keine bewusste Entscheidung – eher ein dynamischer Prozess“, beschreibt sie. 

„Du musst das machen, weil du eine Frau bist“ 

Schon als Kind in Syrien spürte sie Rollenbilder und Regeln, die nie hinterfragt wurden, aber ihr immer fragwürdig erschienen. „Ich war oft einfach verwirrt“, sagt sie. Verwirrt darüber, warum so vieles scheinbar selbstverständlich ist. Vielleicht ist genau dort ihr Humor entstanden: im Hinterfragen, im Nicht-Akzeptieren-Wollen von Dingen, die einfach so hingenommen werden. In der Rebellion einer jungen Frau.

Mit 16 Jahren flüchtet Flona mit ihrer Familie von Syrien nach Bayern in Deutschland. Der Westen galt als Ort der Freiheit, vor allem für Frauen. „Das ist die größte Lüge“, sagt sie. Ja, es gäbe hier mehr Freiheiten. Aber auch hier kommen sie nicht ohne Erwartungen: selbstbestimmt sein und trotzdem Kinder bekommen, Karriere machen und sich nebenbei um die Familie kümmern. „Ich muss mich als Frau emanzipieren und das ist eigentlich auch ein Druck“, beschreibt sie. 

Heute lebt Flona in Wien, arbeitet in einer zivilgesellschaftlichen Organisation, studiert Jus und steht mit ihrem ersten Solo-Programm „Selfmade Feminist“ auf der Bühne. Der Titel steht für ihren Weg und dafür, sich selbst eine Stimme zu geben. Sie spricht über das Aufwachsen in einer Diktatur in Syrien, ihre Flucht, ihr Leben als Teenagerin in Bayern.

Ihre Inspiration findet sie im Absurden des Alltags. Flonas Comedy-Shows sind nicht nur bunt und lustig, sondern auch frech, sarkastisch und ein kleines bisschen fies. 

In ihrem Kabarett spricht Flona über ihre Kindheit in Syrien, ihre Flucht nach Europa und wie sie sich emanzipierte. © Amnesty International / Julia Trampitsch
In ihrem Kabarett spricht Flona über ihre Kindheit in Syrien, ihre Flucht nach Europa und wie sie sich emanzipierte. © Amnesty International / Julia Trampitsch

Eine Punchline zum Nachdenken

Wenn man zu einer Comedy-Show geht, ist oft alles leicht und angenehm, sagt Flona. „Fast wie ein Ponyhof: Alle lachen, alles ist safe und bunt.“ Teil der Comedy ist es, eine solche „Wohlfühl-Atmosphäre“ zu schaffen – um dann einen bewussten Bruch zu setzen. 

Raffiniert verpackt Flona vermeintlich ernste Themen wie etwa Flucht und Migration in pointierte Witze. Mit diesen provokanten „Punchlines“ möchte sie bei den Menschen einen Moment der Irritation erzeugen, in dem sie nachdenken können. 

Vieles von dem, was Flucht konkret bedeutet, sei selbst Menschen nicht bewusst, die helfen wollen oder sich als politisch „links“ verstehen. Oft werden Geflüchtete nur über ihr Leid definiert. Doch „sobald man andere nur als Opfer sieht, nimmt man ihnen auch ein Stück Menschlichkeit,“ erklärt sie. 

Stattdessen erzählt Flona auf der Bühne von der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrung – auch von absurden, unerwartet komischen Momenten, die selbst auf der Flucht existieren. „Humor ist Teil davon, Mensch zu sein, selbst in extremen Situationen“, sagt Flona. 

Nach den Shows kommen häufig Menschen auf sie zu und berichten, dass sie ihre Auftritte zum Nachdenken bringen. Solche Momente, so Flona, seien für sie „genauso wertvoll – oder sogar wertvoller als ein schneller Lacher“.

Aufholbedarf und Demokratisierung der Bühnen 

In der klassischen österreichischen Kabarettszene fühlt sich Flona nicht zu Hause: „Das ist nicht negativ gemeint, es ist einfach not my jam.“ Die Zugänglichkeit bei Clubs wie PCCC* sei einfach anders, unkomplizierter. Nachholbedarf sieht sie vor allem bei FLINTA-Stimmen (Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nichtbinäre, Trans- und Agender Personen). Österreichs Comedy- und Kabarettszene bleibt nach wie vor männlich dominiert.

Das bestätigt auch Alexa Oetzlinger, Leiterin der Kulisse. Während der Pandemie übernahm sie die älteste Kleinkunstbühne Wiens und setzt ganz in der Tradition des Hauses mit ihrem Programm auf Kabarett und politischen Diskurs. Gezielt fördert sie Kabarettistinnen und Nachwuchstalente, denn „welche Menschen und welche Geschichten eine Bühne bekommen, ist eine große Verantwortung“, sagt sie. Ihr Programm setzt das um: Menschen aus unterschiedlichsten Szenen treten auf, marginalisierte Gruppen bekommen Raum. „Alles hat Platz – nur keine rechten Positionen.“

Österreich ist ein kleines Land mit einem kleinen Comedy-Markt. Anders als in Deutschland, gibt es keine riesigen Hallen mit Tausenden Zuschauer*innen. Umso wichtiger sei es, Nachwuchs zu fördern. Gleichzeitig betont sie, dass sie ohne die Unterstützung etablierter Künstler*innen nicht in die Förderung von Nachwuchstalenten investieren könnte: „Ich bin sehr dankbar, dass einige Acts, die heute sehr gut ausverkaufen, das Haus wirklich unterstützen. Wenn ich die Unterstützung der Großen nicht hätte, könnte ich den Jungen keine Chance geben.“

Die Leiterin der Kulisse in Wien, Alexa Oetzlinger engagiert sich für Nachwuchskünstler* innen in der österreichischen Kabarettszene. © Amnesty International / Julia Trampitsch
Die Leiterin der Kulisse in Wien, Alexa Oetzlinger engagiert sich für Nachwuchskünstler* innen in der österreichischen Kabarettszene. © Amnesty International / Julia Trampitsch

Im Zuge der Pandemie habe auch ein gewisser Demokratisierungsprozess stattgefunden, erklärt Oetzlinger. Plötzlich lief vieles über Social Media, und Menschen mit hohen Follower*innenzahlen konnten in Häusern auftreten: „Früher entschieden die Theater selbst, wer ein Star wird – heute ist es viel demokratischer.“ 

Was es braucht: Veränderte Strukturen und ein bisschen Glück

Dass die österreichische Kabarett- und Comedy-Szene in Bewegung ist, merkt auch Kabarettist „der Kuseng“. Seit drei Jahren steht er auf den Bühnen Wiens; vergangenes Jahr hat er den Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises gewonnen. 

„Wenn man an Kabarett denkt, stellt man sich vielleicht irgendwelche dunklen, kleinen Kammern vor, wo alte Männer auf der Bühne stehen, und Altherrenwitze erzählen. Aber die Szene ist viel diverser und größer, als es von außen vielleicht ersichtlich ist“, erklärt er. 

Dass das heute so ist, sei allerdings keine zufällige Entwicklung. Es brauche Menschen, die anderen Wege ebnen, erklärt Der Kuseng: 

Auf einer Bühne zu stehen ist ein Privileg, und Privilegien werden nicht verteilt, sondern verteidigt.

„Der Kuseng“, Kabarettist

Auch er sammelte seine ersten Bühnenerfahrungen als Comedian bei PCCC*, wo ihm Clubgründerin Denice Bourbon als erste eine Bühne bot. Im Publikum saß Radiomoderatorin Eva Deutsch, die ihn daraufhin zu ihrer Comedy Show „FM4 Happy Hour“ einlud 

„Man sieht also: Es sind viele zufällige Dinge, die passieren, aber auch strukturelle, die aktiv geschaffen werden müssen“, sagt er. Alternativen zu den großen Kabaretthäusern schaffen Plattformen, auf denen junge Künstler*innen überhaupt erst sichtbar werden können.

Ein Witz kann alles verändern 

Es war eine Art politische Notwendigkeit, die Der Kuseng auf die Bühne brachte. Aufgewachsen in einem Umfeld, das von Fluchterfahrungen und Schwere geprägt war, spürte er schnell, wie viel ein Moment der Leichtigkeit bei anderen Menschen verändern kann: „Ich wollte meine Eltern glücklich sehen, also machte ich es zu meiner Aufgabe, sie zum Lachen zu bringen. Beim Lachen wird vieles plötzlich egal – es ist eine Befreiung.“

Erfahrungen wie diese bringt er auch in seinem aktuellen Solo-Programm „Hoamatlond, Hoamatlond“ auf die Bühne. Eingepackt in einen Koffer, transportiert er neben dem emotionalenBallast seiner Kindheit ziemlich viel Witz. Humor und Gesellschaftskritik sind für ihn ein bisschen wie Zucker zur Medizin: Es schluckt sich leichter. „Ich habe früh gemerkt, dass Menschen Dinge leichter annehmen, wenn man sie mit Humor anspricht. Es ist wie eine ausgestreckte Hand in Form eines Lachens, statt eines erhobenen Zeigefingers.“ 

Ziel seines Programms sei, zu zeigen, dass man nicht dieselben Erfahrungen gemacht haben muss, um mitzufühlen. Der erste Schritt sei zuzuhören, denn wenn wir einander zuhören, verstehen wir die andere Person auch und das ist der erste Schritt, um füreinander einzustehen und sich gegenseitig zu stärken, ist er überzeugt.

In seinem Debütprogramm „Hoamatlond, Hoamatlond“ hinterfragt Der Kuseng das Konzept Heimat. © Amnesty International / Julia Trampitsch
In seinem Debütprogramm „Hoamatlond, Hoamatlond“ hinterfragt Der Kuseng das Konzept Heimat. © Amnesty International / Julia Trampitsch

Bei seinen Auftritten merke er oft, wie sich der Raum, in dem er spielt, verändert und welche Kraft das Kabarett hat: „Es sind zwei Stunden, in denen ich die unterschiedlichsten Themen behandle: meine Fluchterfahrung, Rassismus, Identitätspolitik, Klassismus. Ich sehe die Leute von der Bühne aus oft nicht genau, aber ich spüre diese Skepsis, die am Anfang im Raum liegt. Bis der erste Witz fällt. Und dann merkt man, wie sich etwas in der Stimmung löst.“

Die gelöste Stimmung ist auch an dem Abend im Spektakel bei Flonas Auftritt spürbar und sie hält noch lange danach an, wenn sich die Zuschauer*innen im Anschluss an die Vorstellung auf ein Getränk an die Bar gesellen. Neben Flona trifft man dort nach ihrer Show auch Der Kuseng, der selbst im Publikum saß. Die Szene unterstützt sich gegenseitig. 

Julia Knichel und Julia Trampitsch sind Teil der Amnesty-Redaktion.

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