In glutrotes Licht getaucht schweben transparente Plastikfiguren über der Bühne von Nocturne Parade und erinnern an die düstere Welt von Goethes Erlkönig. © Sigrid Spinnox
In glutrotes Licht getaucht schweben transparente Plastikfiguren über der Bühne von Nocturne Parade und erinnern an die düstere Welt von Goethes Erlkönig. © Sigrid Spinnox
aus dem magazin

Jede Nacht hat ein Ende

Die französische Performancekünstlerin Phia Ménard macht Theater zur politischen Erfahrung: In Nocturne Parade verhandelt sie Faschismus als dunkle, wiederkehrende Kraft und sucht dabei nach Bildern der Hoffnung. Im Interview spricht sie über Trauer, Empathie und die sinnliche Kraft der Bühne. Diesen Sommer ist sie mit dem Stück beim ImPulsTanz Festival im Wiener Burgtheater zu sehen.

Interview von Antonio Prokscha

Sie touren gerade mit Nocturne Parade. Wovon handelt es?

Es ist ein Stück über den Faschismus. Über die Frage, warum er immer wiederkehrt, warum die Geschichte sich seit den 1930er Jahren wiederholt. Ich glaube, die schwierigste Erfahrung für alle, die vom Faschismus betroffen sind, ist die Trauer. Ich gehe davon aus, dass der Faschismus zwar Schlachten gewinnt, aber nie den Krieg, weil sein einziges Projekt die Zerstörung ist. Er hat kein Projekt für das Leben. Für mich ist der Faschismus die Nacht. Und die Frage lautet: Wie überwindet man diese Nacht? 

In meinem Stück arbeite ich mit Wind als einer Art Atem, mit Plastik, mit Puppen. Die Grundlage ist Goethes Erlkönig: das Kind, das auf dem Pferd durch den Wald reitet und dem Ungeheuren zu entkommen versucht. Eine Narration über Erdöl, Patriarchat, Ultraliberalismus, Faschismus und von da aus durch das Bild des Todes hindurch hin zum Leben, zum Licht.

Phia Ménard © Louise Quignon
Phia Ménard © Louise Quignon

Der Erlkönig endet sehr düster mit dem Tod des Kindes. Sie haben das Stück auch während des Sterbens Ihres Vaters geschrieben, der die Traumata des Algerienkriegs trug. Wie fließt das in die Arbeit ein?

Der Erlkönig gibt mir vor allem ein Bild: Das Kind im Erlkönig versucht, den „Faschisten“ zu entkommen. Und ich stelle die Frage nach dem Blick des Kindes: Wie schauen Kinder auf die Gewalt in dieser Welt? Wie schauen sie auf Trump, auf Netanjahu, auf all diese Männer?

Auf der Bühne verwende ich Materialien, die auch das Gefühl des Lebendigen erzeugen. Die Verbindung entsteht durch Musik, sowohl Schubert als auch Camille, durch die Danse Macabre.

Choreografisch ist das Stück auf einer runden Bühne angelegt, damit wir uns gegenseitig ansehen und durch die Dinge hindurchblicken können. Die Plastikmaterialien werden plötzlich zu etwas, das für jede*n einzelne*n Zuschauer*in persönliche Erinnerungen und Bilder trägt. Solange Wind da ist, ist Leben da. Die Atmung ist es, die uns am Leben erhält – und darum geht es im Kern.

Wie reagiert das Publikum auf diese Performance?

Sehr häufig wollen die Zuschauer*innen das Theater nicht verlassen. Das ist bereits eine Handlung, ein Zustand von Schönheit, Wohlbefinden, Fassungslosigkeit und Erinnerungen. Sehr häufig kreisen die Fragen darum, wie es uns gelingt, einander so unmittelbar zu berühren.

Viele sehen im Stück Bilder, die sie an Gaza erinnern, an die Ukraine. Wir sprechen oft über die Schrecken, die wir angehäuft haben, über die Bilder von Kriegen, die wir täglich sehen. Und ich frage sie: Wie lange sind wir noch in der Lage, das zu ertragen?

Was kann eine solche Performance Menschen in diesen schwierigen Zeiten anbieten, was ein politischer Diskurs oder die Nachrichten nicht können?

Ein Bild von Menschen, die sterben, oder von Menschen unter Bomben bleibt ein Bild. Im Theater empfinden wir durch physische Beziehungen. Diese Puppen leben und sterben. Es ist eine körperliche Emotion, keine intellektuelle – des Kampfes, des Todes, des Schmerzes. Und zugleich der Metapher.

Durch unser Stück bieten wir Menschen die Möglichkeit, durch Poesie zu verstehen, körperlich zu spüren, was der Unterschied zwischen Faschismus und Antifaschismus ist. Was es bedeutet, Humanist*in zu sein – andere wirklich zu fühlen, anzunehmen.

Natürlich gibt es im Stück viele politische Botschaften. Aber vor allem gibt es eine Weise, den Schmerz zu spüren, den wir sonst kaum wahrnehmen können.

Empathie ist für mich das Fundament des Theaters. Dadurch, dass es live ist, wird ein Raum geschaffen, eine Situation mit einem Publikum, mit vielen Menschen um eine*n herum, und man schafft diese Beziehung der Affekte, der Empathie.

Würden Sie Ihre Arbeit selbst als politisch bezeichnen?

Ich habe eine politische Haltung: die der antifaschistischen Linken, was in Frankreich heute fast schon zu einer bedrohten Position geworden ist. Das bestärkt mich in meinem Widerstand.

In meiner Arbeit stelle ich die Frage nach Macht. Wie kann man jene Menschen zusammenbringen, die links denken, also jene, die an Humanismus, an Menschlichkeit glauben? Wie der Philosoph Gilles Deleuze es formulierte: Links zu sein, bedeutet, die Welt anzunehmen und zu erkennen, dass wir auf einem Planeten leben und gemeinsam leben müssen.

Was gibt Ihnen Hoffnung – in Ihrer Arbeit und in den Reaktionen des Publikums?

Ich glaube, das Positivste ist, dass wir noch, und mehr denn je, den Wunsch haben, dem anderen zu begegnen, zusammenzuleben, diese Hoffnung zu haben. Das Theater ist dazu da, diesen Raum anzubieten. Das Theater in der Stadt ist ein Ort, an den man kommt, um sich Fragen zu stellen. Und solange wir uns Fragen stellen, sind wir gesund.

Ich glaube, die größte Hoffnung ist: Nichts hat jemals verhindert, dass die Geschichte eine andere Wendung nimmt. Nichts hat jemals verhindert, die Welt zu verändern, und jede kleine Geste, selbst der Gang ins Theater, ist bereits ein Akt der Schönheit und des Widerstands.

Antonio Prokschka ist Teil der Amnesty Redaktion.

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