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Der Text beschreibt sexualisierte Gewalt, physische Gewalt und Tötungen.
Zivilist*innen im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) leiden unter einer Zunahme von Menschenrechtsverstößen durch Mitglieder der bewaffneten Gruppe Allied Democratic Forces (ADF). Diese begehen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so Amnesty International in einem neuen Bericht. Der Bericht “I’d Never Seen So Many Bodies”: War Crimes by the Allied Democratic Forces in the eastern Democratic Republic of Congo dokumentiert gewalttätige Angriffe der ADF auf Zivilist*innen, Entführungen und Zwangsarbeit, die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern sowie weitere Misshandlungen und Verbrechen gegen Frauen und Mädchen, darunter Zwangsverheiratung, das erzwungene Austragen von Schwangerschaften und verschiedene andere Formen sexualisierter Gewalt.
Die Taten, die von der mit der bewaffneten Gruppe Islamischer Staat (IS) in Verbindung stehenden ADF begangen werden, stellen zahlreiche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und in vielen Fällen auch Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Die Angriffe erfolgen in weiten Teilen des Ostens der DR Kongo.
Die Zivilbevölkerung im Osten der DR Kongo hat unter der brutalen Gewalt der ADF-Kämpfer sehr gelitten. Zivilist*innen wurden im Rahmen einer gezielten Entmenschlichung getötet, entführt und gefoltert. Kämpfer der ADF haben Dörfer und Bauernhöfe überfallen, medizinische Einrichtungen angegriffen sowie Häuser geplündert und niedergebrannt. Die Gewalt der ADF trägt zu einer weiteren Verschärfung der humanitären Krise bei. Die Angriffe der Gruppe haben zu einer verstärkten Vertreibung sowie zur Unterbrechung von Versorgungsleistungen wie dem Zugang zu Nahrungsmitteln, zu Gesundheitsversorgung und Bildung geführt.
Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International
Diese Menschenrechtsverstöße stellen Kriegsverbrechen dar, die von der Welt nicht länger ignoriert werden dürfen. Als Teil eines umfassenden und systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung stellen sie außerdem Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.
Amnesty International hat im November 2025 Recherchen in der Provinz Nord-Kivu durchgeführt. Insgesamt wurden 71 Personen befragt. In 61 Fällen handelte es sich um persönliche Gespräche mit Augenzeug*innen und Überlebenden von Angriffen, Angehörigen der Zivilgesellschaft, Militär- und Polizeikräften sowie Angehörigen humanitärer Hilfsorganisationen, unter anderem von den Vereinten Nationen.
Die Streitkräfte der Demokratischen Republik Kongo (Forces Armées de la République Démocratique du Congo – FARDC) kämpfen seit Jahren gegen die ADF, wobei sie von der UN-Mission MONUSCO unterstützt werden. Die FARDC und die ugandischen Streitkräfte (Uganda People’s Defence Forces – UPDF) haben im November 2021 eine gemeinsame Militäroperation zur Bekämpfung der ADF gestartet.
Die ADF ist in den 1990er Jahren in Uganda aus einem Zusammenschluss oppositioneller Gruppen entstanden und hat später in Zaire (heute DR Kongo) Zuflucht gesucht. Im Jahr 2019 erkannte die bewaffnete Gruppe Islamischer Staat (IS) offiziell einen Treueeid der ADF an, und die ADF wurde schließlich zum Islamischen Staat Provinz Zentralafrika.
Amnesty International hat acht Angriffe der ADF in den Provinzen Ituri und Nord-Kivu dokumentiert. Sieben der Angriffe erfolgten 2025, einer fand 2024 statt. Zeug*innen berichteten, dass Sicherheitskräfte, darunter auch Angehörige der FARDC von nahegelegenen Stützpunkten, nicht immer reagierten oder zu spät am Ort der Angriffe eintrafen. Die ADF greift zwar auch Sicherheitskräfte an, doch hat sie in den letzten Jahren vor allem die Zivilbevölkerung ins Visier genommen.
Am 8. September 2025 mischten sich ADF-Kämpfer im Dorf Ntoyo in Zivil unter die Trauergäste einer Totenwache, um die Menschen dann plötzlich anzugreifen. Bei dem Massaker, bei dem Hämmer, Äxte, Macheten und Schusswaffen zum Einsatz kamen, starben mehr als 60 Menschen. Sicherheitskräfte waren nicht zugegen.
Am 12. Juli 2025 tötete die ADF bei einem Überfall in Otmaber im Gebiet Irumu in Ituri acht Menschen. Eine Frau berichtete Amnesty International, dass Kämpfer auf sie, ihren Mann und ihren siebenjährigen Sohn geschossen hätten.
Nachdem sie auf uns geschossen hatten, fingen sie an, Häuser anzuzünden … Mein Sohn und ich krochen langsam in ein Haus, das nicht brannte, und verbrachten die Nacht dort … Selbst am nächsten Morgen ist das Militär nicht gekommen. Alle waren auf sich allein gestellt.
Eine betroffene Frau
Die Gruppe hat zudem wiederholt Gesundheitseinrichtungen angegriffen und Vorräte geplündert. Im November 2025 wurde ein Gesundheitszentrum im Dorf Byambwe angegriffen. Mindestens 17 Zivilist*innen wurden getötet, und vier der Stationen wurden in Brand gesetzt.
Man konnte nicht stehen bleiben. Sie haben auf alles geschossen, was sich bewegte.
Eine ältere Person, die auf den Knien aus der Einrichtung entkommen konnte
Amnesty International hat 46 Entführungsfälle dokumentiert, darunter sieben Fälle, in denen Geiseln zur Erpressung von Lösegeld festgehalten wurden. Die Entführten waren weiteren Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen wie Zwangsarbeit, Folter, sexualisierter Versklavung und rechtswidrigen Tötungen ausgesetzt.
Geiseln und andere Entführte wurden häufig gezwungen, als Lastenträger*innen und Guides für die ADF zu fungieren. Die Kämpfer gaben ihnen nur sehr wenig zu essen und zwangen sie unter Beleidigungen und Schlägen, tagelang zu marschieren und schwere Lasten zu tragen. Wer Anzeichen von Erschöpfung zeigte, wurde oft getötet.
Die ADF wird von den Vereinten Nationen als eine der Gruppen geführt, die in der DR Kongo am häufigsten für die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern verantwortlich sind. Die Gruppe setzt Kinder in verschiedenen Funktionen ein, unter anderem als Kämpfer, Träger*innen, Köch*innen und Wachposten. Viele ehemalige Entführte und Augenzeug*innen gaben an, Kinder gesehen zu haben, die vermutlich nicht älter als zehn Jahre alt waren und bereits an Angriffen der Gruppe teilnahmen.
Amnesty International befragte zwei ehemals entführte Kinder sowie drei Jugendliche, die als Kinder entführt worden waren und alle von der ADF für verschiedene Zwecke eingesetzt wurden. Die Befragten waren zum Zeitpunkt ihrer Entführung zwischen 13 und 17 Jahre alt.
Ein Jugendlicher, der im Alter von unter 15 Jahren entführt worden war und etwa zwei Jahre in Gefangenschaft verbracht hatte, sagte:
Sie steckten mich in eine Gruppe, die für die Nahrungssuche zuständig war … Sie predigten uns den Islam … Wenn es Zeit zum Beten war, betete ich mit ihnen. Wenn man sich weigerte, konnten sie einen töten.
Ein betroffener Jugendlicher
Angesichts der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen in Form von Folter und anderen Misshandlungen, denen diese Kinder ausgesetzt waren, sind sie in erster Linie als Opfer zu betrachten. Ihnen muss zudem zusätzlicher Schutz als Überlebende von Menschenhandel gewährt werden.
Amnesty International befragte fünf Frauen und zwei Mädchen, die von der ADF entführt und zur „Heirat“ gezwungen worden waren. Nach Angabe von Zeug*innen waren „außereheliche“ Beziehungen nicht erlaubt; mehrere Befragte berichteten jedoch von Fällen sexualisierter Gewalt durch ADF-Kämpfer gegenüber Frauen und Mädchen außerhalb der „Ehe“.
Aus den Interviews geht hervor, dass die ADF ihren Kämpfern eine „Ehefrau“ – manchmal sogar mehrere – als Rekrutierungsanreiz zur Verfügung stellte. Diese Praxis wird in den Lagern der Gruppe systematisch angewendet. Die Frauen und Mädchen waren über längere Zeiträume sexualisierter und körperlicher Gewalt ausgesetzt.
Frauen und Mädchen berichteten zudem, dass sie gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren und mit der religiösen Auslegung der Gruppe indoktriniert wurden. Die Frauen und Mädchen gaben an, von Ausbilderinnen und Lagerleitung ausdrücklich darauf hingewiesen worden zu sein, dass sie die Zuweisung von „Ehemännern“ akzeptieren oder andernfalls mit dem Tod rechnen müssten. Mehrere von ihnen wurden gezwungen, die Tötung anderer mitanzusehen, die sich den Befehlen widersetzt hatten.
Sechs der sieben Frauen und Mädchen, die als „Ehefrauen“ verschleppt worden waren, gaben an, infolge der Zwangsverheiratung schwanger geworden zu sein. Auch wenn es diesen entführten Frauen und Mädchen gelang, der sexualisierten Versklavung und der häuslichen Knechtschaft zu entkommen, sahen sie sich mit Misstrauen und Stigmatisierung konfrontiert.
Die Behörden in der DR Kongo müssen mehr tun, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Dies muss unter anderem durch die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und lokalen Gemeinschaften passieren, um Frühwarnmechanismen zu verbessern und eine schnelle Reaktion noch vor einem Angriff zu ermöglichen. Erforderlich sind ein umfassender Ansatz in den Bereichen Sicherheit, Justiz und Rechenschaftspflicht sowie sinnvolle Reintegrationsprogramme, um den Bedürfnissen der lokalen Communities und der Überlebenden gerecht zu werden.
Die kongolesische Regierung muss weitaus entschlossener handeln, um den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten. Die internationale Gemeinschaft muss den kongolesischen Staat entschlossen dabei unterstützen, die Bemühungen zum Schutz der Zivilbevölkerung zu verbessern, Gerechtigkeit zu gewährleisten und den Betroffenen und Überlebenden langfristige, nachhaltige Hilfe zu leisten. Dass die internationale Politik angesichts der zunehmenden Bedrohung und der Verbrechen der ADF wegschaut, führt nur zu einer weiteren Aushöhlung der Sicherheit und der Menschenrechte im Osten der DR Kongo.
Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International