
Libanon: Israelische Angriffe auf Familien müssen als Kriegsverbrechen untersucht werden
9. Juli 2026Drei israelische Luftangriffe im Südlibanon im März 2026, bei denen 24 Zivilist*innen getötet und ganze Familien ausgelöscht wurden, müssen als Kriegsverbrechen untersucht werden. Zwölf der Getöteten waren Kinder.
Amnesty International untersuchte drei Angriffe, die zivile Wohnhäuser zerstörten. Sie trafen am 6., 12. und 13. März das Viertel al-Thakana im Bezirk Tyros, das Dorf Irkay im Bezirk Saida und das Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa. Unter den Getöteten waren zwölf Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren, sechs Frauen, darunter eine Schwangere, und sechs Männer. Mindestens 18 weitere Menschen wurden verletzt.
Auf Grundlage der gesammelten Beweise hat Amnesty International bei jedem dieser Angriffe hinreichende Gründe für die Schlussfolgerung, dass die israelischen Streitkräfte das humanitäre Völkerrecht verletzten. Sie unterschieden nicht zwischen Zivilist*innen und militärischen Zielen, richteten Angriffe gegen Zivilist*innen sowie zivile Objekte oder versäumten es, alle praktisch möglichen Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung zu treffen.
Innerhalb einer einzigen Woche hat das israelische Militär im Libanon ganze Familien ausgelöscht, darunter ein Dutzend Kinder, und damit eine rücksichtslose Missachtung des Lebens von Zivilist*innen gezeigt. Wie viele Familien müssen noch die Körper ihrer Kinder aus den Trümmern bergen, bis dieser verheerende Kreislauf von Kriegsverbrechen endet? Die internationale Gemeinschaft muss jetzt handeln. Die Staaten müssen ein sofortiges umfassendes Waffenembargo gegen Israel verhängen und die universelle sowie extraterritoriale Gerichtsbarkeit nutzen, um die Verantwortlichen zu untersuchen und strafrechtlich zu verfolgen.
Kristine Beckerle, stellvertretende Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International
„Es wächst die Sorge, dass das jüngste, von den USA vermittelte Abkommen zwischen Israel und dem Libanon zu einem weiteren Hindernis für die Gerechtigkeit werden und den Opfern den Zugang zu Rechenschaft verwehren könnte. Die libanesischen Behörden müssen entschlossen handeln. Dazu gehört, dem Internationalen Strafgerichtshof die Zuständigkeit für Verbrechen auf libanesischem Staatsgebiet zu übertragen und unabhängige sowie glaubwürdige Ermittlungen im eigenen Land einzuleiten.“
Zwischen dem 2. März, als der Konflikt eskalierte, und dem 29. Juni wurden im Libanon nach Angaben der libanesischen Regierung 4.257 Menschen getötet, darunter mehr als 250 Kinder. Nach Berichten israelischer Medien wurden im Südlibanon zwei Zivilist*innen und mindestens 39 Soldat*innen getötet.
Für die Untersuchung sprach Amnesty International mit 15 Personen, darunter Überlebende, Angehörige, Sanitäter*innen, Journalist*innen und lokale Amtsträger*innen. Das Crisis Evidence Lab der Organisation analysierte Satellitenbilder, verifizierte 20 Fotos und elf Videos. Amnesty International wandte sich am 12. Juni an die israelischen Behörden und bat um Informationen zu neun Angriffen, darunter diese drei. In ihrer Antwort vom 22. Juni erklärten die Behörden, sie hätten „die Vorwürfe geprüft“. Einige Angriffe seien „gegen militärische Ziele der Hisbollah“ gerichtet gewesen, andere „zur Prüfung weitergeleitet“ worden. Zu den drei dokumentierten Angriffen machten sie trotz Nachfrage keine konkreten Angaben.
Angriffe auf zivile Wohngebiete
Am 6. März gegen 15:50 Uhr traf ein israelischer Luftangriff das Haus von Hassan Saleh im Viertel al-Thakana im Bezirk Tyros. Der Angriff zerstörte das Haus und tötete acht Familienmitglieder, alle Zivilist*innen, darunter vier Kinder. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Getötet wurden unter anderem Hassan Saleh, ein Krebskranker in seinen Sechzigern, seine Frau Fatimah, die Kinder Zein al-Abidin (14) und Roqaya (11) sowie Fatimahs schwangere Schwester Haniya und deren fünfjährige Tochter Sara.
Am Vortag hatte das israelische Militär pauschale Räumungsbefehle für den gesamten Südlibanon erlassen. Solche Anordnungen ohne klare Angaben zu sicheren Routen und Zeitfenstern stellen laut Amnesty International keine wirksame Vorwarnung dar und entbinden Israel nicht von seinen völkerrechtlichen Pflichten.
Hussein Saleh sagte, seine Familie habe nicht sofort evakuiert werden können, da sechs seiner Familienmitglieder unter einer Krankheit litten. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele zum Zeitpunkt des Angriffs.
„Vier Töchter getötet“
Am 12. März gegen 14:20 Uhr zerstörte ein israelischer Luftangriff das Haus der Familie Taqi im Dorf Irkay im Bezirk Saida. Sieben Familienmitglieder wurden getötet, darunter vier Kinder, fünf weitere verletzt. Der Angriff beschädigte auch das Nachbarhaus und tötete dort zwei weitere Zivilist*innen.
Nach dem Angriff erklärte das israelische Militär gegenüber der Zeitung Observer, es habe „Hisbollah-Kämpfer“ getroffen, legte dafür jedoch keine Beweise vor. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele.
„Eine ganze Familie ausgelöscht“
Am 13. März zwischen 20:00 und 20:30 Uhr traf ein israelischer Luftangriff ein Haus im Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa und tötete sieben Zivilist*innen. Getötet wurden Qais Basma, ein Anstreicher, seine Frau Balndin Jaber und ihre vier Kinder Hassan, Hussein, Abbas und Helene im Alter zwischen sieben und 16 Jahren sowie ein Nachbar. Mindestens fünf Menschen in umliegenden Gebäuden wurden verletzt.
„Eine ganze Familie ist ausgelöscht, als hätte es sie nie gegeben. Niemand ist übrig“, sagte eine Angehörige. Mehrere Interviewte berichteten, vor dem Angriff Drohnen und Flugzeuge gehört zu haben. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele. Die israelischen Behörden haben den Angriff weder bestätigt noch dementiert.
„Diese drei verheerenden Angriffe sind Teil eines gut dokumentierten Musters völkerrechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, inmitten eines totalen Vakuums an Rechenschaft. Die anhaltende Straflosigkeit droht schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu normalisieren und sendet die gefährliche Botschaft, dass israelische Streitkräfte weiterhin ungestraft Zivilist*innen töten und verletzen können“, sagt Kristine Beckerle.
Hintergrund
Am 8. Oktober 2023 feuerte die Hisbollah Raketen auf Israel ab, gefolgt von israelischen Luft- und Bodenoperationen, die sich ab September 2024 deutlich verschärften. Eine Waffenruhe trat am 27. November 2024 in Kraft, doch Israel führte weiterhin nahezu täglich Angriffe entlang der Grenze durch. Am 2. März 2026 nahm die Hisbollah ihre Angriffe wieder auf, nachdem ein US-israelischer Angriff im Iran den iranischen Obersten Führer Ali Khamenei getötet hatte. Israel reagierte mit einer Angriffswelle im gesamten Libanon.
Seit Oktober 2023 dokumentiert Amnesty International ein Muster völkerrechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, bei denen Zivilist*innen, Journalist*innen und medizinisches Personal getötet wurden. Die Organisation hat auch Hisbollahs völkerrechtswidrigen Beschuss ziviler Wohngebiete in Israel mit ungelenkten Raketen dokumentiert, der zu Toten und Verletzten unter Zivilist*innen führte.





