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© AFP / Getty Images

Presse

Ukraine: Amnesty dokumentiert jüngsten Angriff auf Kurort Serhijiwka, mindestens 21 zivile Tote

7. Juli 2022

Bei russischen Luftangriffen auf einen Wohnblock und ein Strandhotel in der südukrainischen Küstenstadt Serhijiwka kamen mindestens 21 Zivilist*innen ums Leben, teilte Amnesty International heute nach einer neuen Untersuchung vor Ort mit.

Die Angriffe, bei denen offenbar Anti-Schiffs-Raketen eingesetzt wurden, trafen die Stadt in der Region Odessa kurz vor 1.00 Uhr morgens am 1. Juli und verletzten mindestens 35 Menschen. Fünf Personen befinden sich weiterhin in einem kritischen Zustand auf einer Intensivstation, weshalb die Gesamtzahl der Todesopfer noch steigen könnte.

Diese mächtigen Waffen wurden entwickelt, um Kriegsschiffe zu zerstören. Sie auf Wohngebiete abzufeuern, ist extrem verantwortungslos.

Donatella Rovera, Senior Crisis Response Adviser bei Amnesty International

„Dieser Angriff ist ein weiteres Beispiel für die völlige Rücksichtslosigkeit des russischen Militärs gegenüber der Zivilbevölkerung in der Ukraine, die weiterhin unnötig Tod und Zerstörung verursacht. Alle, die für solche Kriegsverbrechen verantwortlich sind, müssen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.“

Amnesty International besichtigte die Anschlagsorte in Serhijiwka und fand keine Hinweise auf die Anwesenheit ukrainischer Streitkräfte, Waffen oder anderer legitimer militärischer Ziele in der Nähe. Auch die von Amnesty International geprüften Satellitenbilder wiesen auf keine militärischen Aktivitäten in dem Gebiet vor dem Angriff hin.

Gezielte Angriffe auf Zivilbevölkerung

Lokale Regierungsvertreter*innen erklärten gegenüber Amnesty International, dass es sich bei den Waffen, die bei dem Angriff eingesetzt wurden, um zwei Kh-22-Lenkflugkörper handelte. Mit einem geschätzten Sprengkopf von mehr als 900 kg und einem Zielsystem, das eher auf Schiffe als auf Landobjekte ausgerichtet ist, ist die Rakete potenziell extrem ungenau und daher für den Einsatz in bewohnten Gebieten völlig ungeeignet.

Amnesty International fand am Ort des Angriffs auf das Hotel Munitionsfragmente, die zu einer großen Lenkwaffe passen. Vor allem enthielten die Fragmente Nieten alten Stils, die zu einer 50 Jahre alten Waffe wie einer Kh-22 passen.

Ein zentraler Grundsatz des humanitären Völkerrechts (Kriegsvölkerrecht) besagt, dass die an einem bewaffneten Konflikt beteiligten Parteien stets zwischen Zivilpersonen und zivilen Objekten sowie zwischen Militärangehörigen und militärischen Zielen unterscheiden müssen. Militärische Ziele können angegriffen werden, doch ist es unzulässig, Zivilpersonen oder zivile Objekte anzugreifen. Vor jedem Angriff müssen Angehörige des Militärs Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass sie mit hinreichender Sicherheit nicht auf Zivilpersonen oder zivile Objekte zielen.

Bisher gab es zahlreiche Beispiele dafür, dass russische Streitkräfte systematisch rechtswidrige Angriffe in der Ukraine durchgeführt haben, bei denen zahlreiche Zivilpersonen getötet und verletzt wurden. In einigen Fällen handelte es sich möglicherweise um gezielte Angriffe auf Zivilpersonen oder zivile Objekte.

Angriff auf ein Ferienhotel

Kurz nach Mitternacht am 1. Juli feuerten russische Streitkräfte mindestens zwei Raketen auf den Ferienort Serhijiwka am Schwarzen Meer ab, etwa 45 Meilen südwestlich der Stadt Odessa. Die erste Rakete traf das Hotel Godji und tötete sechs Zivilist*innen. Nur wenige Minuten später schlug eine zweite Rakete in das Eisenwarengeschäft an der Fassade eines neunstöckigen Wohnhauses in der Budzhaska-Straße 23 ein und tötete 15 weitere Zivilist*innen.

Unter den Opfern im Hotel Godji waren Nadiya Rudnitskaya, die Hoteldirektorin, und ihr 12-jähriger Sohn Dmytro Rudnitsky. Olha Iljaschewytsch, 30, und ihre Mutter Maria, die beide vor den Kämpfen aus Slowjansk im Donbass geflohen waren, wurden ebenfalls getötet.

Unter den Todesopfern befand sich auch Oleksander Schischkow, 41, ein bekannter Fußballtrainer. Er lebte in Odessa, hatte sich aber im Hotel aufgehalten, nachdem am Vortag ein Kinderfußballspiel zwischen der örtlichen Mannschaft und der Mannschaft aus der nahe gelegenen Stadt Bilhorod-Dnistrowski stattgefunden hatte.

„Menschen werden im Schlaf getötet“

Unter den Opfern des Anschlags auf einen Wohnblock in der Budzhaska-Straße waren Volodymyr Chulak, ein 68-jähriger Sportlehrer, seine Frau Tetiana, eine 64-jährige Köchin, und ihr Sohn Mykhaylo, 35, der in Odessa lebte und zu Besuch bei seinen Eltern war.

Die Schwester von Tetiana Chulak, Valentyna, berichtete Amnesty International: "Ich hörte die Explosionen und rannte auf die Straße... Ich rannte dorthin, in das Gebäude und fand Tetiana tot in ihrem Bett, bedeckt mit zerschlagenen Möbeln und Trümmern, und ihren Mann Volodymyr tot in der Küche. Ihr Sohn Mykhaylo hatte auf der Terrasse gestanden und war direkt von der Rakete getroffen worden; er war in Stücke zerfetzt."

Ebenfalls getötet wurden Halyna Rumashuk, eine 50-jährige Rezeptionistin, und ihr Mann Serhii, ein 48-jähriger Bauunternehmer. Sie hatten den Einschlag zunächst überlebt und konnten aus dem Gebäude fliehen, kehrten dann aber zurück, um einige ihrer Habseligkeiten zu holen, als eine Wand einstürzte und beide tötete.

Roman, 36, ein Bewohner des vierten Stocks des Gebäudes, sagte gegenüber Amnesty International, dass er und seine Mutter nur deshalb überlebten, weil sie sich zum Zeitpunkt des Einsturzes hinter einer Betonwand in ihrer Küche befanden, um ihren Welpen zu baden, der gerade operiert worden war. Der Rest ihrer Wohnung wurde durch die Explosion zerstört. Roman versuchte, seine Nachbarin, Proskovia Pavlenko, 63, zu retten. Sie wurde bei der Explosion tödlich verwundet und starb, als er sie aus dem Gebäude trug.

Natalia Yankovska und ihr Lebensgefährte Maksym Nedomov erlagen beide den schweren Verletzungen, die durch die Explosion verursacht wurden. Natalias zwei kleine Söhne aus einer früheren Ehe im Alter von 10 und 14 Jahren befinden sich weiterhin im Krankenhaus, einer davon in kritischem Zustand.

Zu den weiteren Opfern des Anschlags auf den Wohnblock gehören Oleksander Sribny (47), Tetiana Nesterenko (64) und Vira Maksymenko (71).

„Das unerbittliche Bombardement des russischen Militärs auf Wohngebiete voller Zivilist*innen, bei dem Menschen im Schlaf getötet werden, ist erschütternd“, sagte Donatella Rovera.

Wie viele Zivilist*innen müssen noch sterben, bevor es Gerechtigkeit und Rechenschaft für diese Verbrechen gibt? Die russischen Streitkräfte, die für diese anhaltenden schweren Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verantwortlich sind, müssen für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Opfer und ihre Familien müssen in vollem Umfang entschädigt werden.

Donatella Rovera, Senior Crisis Response Adviser bei Amnesty International

Hier findest du die fortlaufende Dokumentation von Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, die während des Krieges in der Ukraine begangen werden.

Ukraine: Zivilist*innen brauchen dringend Schutz!

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