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Presseaussendung

Waffengewalt in den USA

12. September 2018

der uneingeschränkte Zugang zu Waffen hat verheerene auswirkungen auf den alltag der menschen

In dem neuen Bericht In the Line of Fire: Human Rights and the U.S. Gun Violence Crisis wirft Amnesty International der US-Regierung vor, zugelassen zu haben, dass sich die Waffengewalt im Land zu einer Menschenrechtskrise entwickelt hat. Der Bericht zeigt, wie der uneingeschränkte Zugang zu Waffen Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche der Menschen in den USA hat.

Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, fehlen diese in den USA auf Bundesebene fast vollständig. So gibt es kein landesweites Registrierungssystem. Zudem braucht man in 30 US-Bundesstaaten keinen Waffenschein oder eine andere Genehmigung für Handfeuerwaffen.

„Die US-Regierung räumt dem Recht auf Waffenbesitz eine höhere Bedeutung ein als grundlegenden Menschenrechten. Zahlreiche Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch, doch der fehlende Wille, Menschenleben zu schützen, ist erschütternd“, erklärt Margaret Huang, die Direktorin von Amnesty International in den USA. „Trotz der enormen Anzahl an Schusswaffen, die sich in Umlauf befinden, und der hohen Zahl der Menschen, die jedes Jahr erschossen werden, gibt es auf Bundesebene erschreckend wenige Regulierungen, obwohl damit Tausende Menschenleben gerettet werden könnten.“

 

Die US-Regierung räumt dem Recht auf Waffenbesitz eine höhere Bedeutung ein als grundlegenden Menschenrechten. Zahlreiche Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch, doch der fehlende Wille, Menschenleben zu schützen, ist erschütternd.

Margaret Huang, Direktorin von Amnesty International in den USA

Über 38.000 Tote pro Jahr

„Die Möglichkeit, ein Leben in Sicherheit und Würde sowie frei von Angst führen zu können, ist der Grundpfeiler der Menschenrechte“, sagt Huang. „Die Menschenrechte können für keinen Menschen als sicher gelten, solange die Regierenden nichts gegen die Waffengewalt unternehmen.“

Nationale Gesetze gefordert

Amnesty International empfiehlt in dem Bericht eine Reihe von Maßnahmen. An erster Stelle steht ein für die gesamten USA geltendes Gesetz, welches das unzulängliche und willkürliche Stückwerk an bundesstaatlichen Regelungen ersetzen soll. Zu den Empfehlungen gehören:

  • Umfassende Hintergrundüberprüfungen von Personen, die Waffen besitzen;
  • Für die gesamten USA geltende Bestimmungen für Waffenscheine und die Registrierung von Schusswaffen sowie ein vorgeschriebenes Training für Waffenbesitzer*innen;
  • Ein Verbot von halbautomatischen Gewehren und anderen militärischen Waffen;
  • Investitionen in Programme zur Verminderung und Prävention von Gewalt in Gemeinden;
  • Gesetzliche Regelungen für die sichere Aufbewahrung von Waffen und Munition.

Blutiger Alltag in den USA

Massaker, bei denen viele Menschen durch Schusswaffen getötet wurden, hinterlassen tiefe emotionale und psychische Auswirkungen auf Überlebende und Angehörige und könnten durch das Verbot von Schnellfeuergewehren und anderen Schusswaffen verhindert werden. Allerdings sind nur ein Prozent aller Schusswaffentoten Opfer eines Massakers. Weitaus häufiger, aber ohne große Medienöffentlichkeit, werden Einzeltaten mit Schusswaffen verübt, die das tägliche Zusammenleben in den gesamten USA erschüttern.

„Ich möchte, dass Sie verstehen, wie sehr unsere Kinder darunter leiden“, sagt Pam Bosley, eine Mutter aus Chicago, deren Sohn Terrell bei einem bis heute nicht aufgeklärten Verbrechen 2006 erschossen wurde. Ihr Gespräch mit Amnesty International ist Teil des Berichts. „Wir brauchen staatliche Betreuungsdienste und soziale Unterstützung für unsere Jugendlichen. Wie sonst können wir von ihnen erwarten, dass sie in diesem Umfeld überleben und sich entwickeln? Wenn ein Kind getötet wird, ruft die Schule höchstens für einen Tag eine psychologische Betreuung. Wenn sie uns genauso behandeln würden, wie damals Sandy Hook (vornehmlich von Weißen besuchte Grundschule, an der 2012 bei einem Amoklauf 20 Kinder und 8 Erwachsene getötet wurden), wäre es anders. Damals haben die Kinder ein Jahr lang psychologische Beratung erhalten – unsere Kinder erleben so etwas jeden Tag.“

Fürs Leben gezeichnet

Der Amnesty-Bericht befasst sich auch mit den Auswirkungen, die Waffengewalt auf Tausende Überlebende hat. Durchschnittlich werden jeden Tag über 317 Menschen in den USA durch Schusswaffen verletzt. Die psychischen, körperlichen und finanziellen Folgen der Verletzungen prägen ihr ganzes Leben. Dr. Thomas Scalea, Leiter des Schock- und Trauma-Zentrums R. Adams Cowley Shock Trauma Center in Baltimore, hat mit Amnesty International über einen Patienten gesprochen, dessen Fall beispielhaft für die Leiden vieler Betroffenen steht.

„Ich habe einen Patienten, der mehrere Schusswunden erlitten hat. Ich habe ihn innerhalb von 18 Monaten vielleicht 15 oder 20 Mal operiert, weil er zahlreiche Leiden hatte, er war richtig krank. Aber ich habe ihn durchbekommen, wir konnten seinen künstlichen Darmausgang rückgängig machen und er gilt als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Behandlung. Bis auf den Arm ... Er wurde auch in den Arm getroffen und erlitt eine schwere Nervenschädigung. Sein Beruf war es, Dinge von A nach B zu tragen, Umzüge etc. Du brauchst aber zwei Arme, um Dinge hochzuheben, deshalb hat er nun eine Behinderung und kann nicht arbeiten. Und dabei bleibt es nun, es gibt keine Umschulung oder etwas Ähnliches. Zudem, wenn eine Behinderung anerkannt werden soll, um Sozialleistungen zu erhalten, musst du dich mit den Gesundheitsbehörden auseinandersetzen. Mit sowas habe auch ich meine Probleme, wie soll er das jetzt schaffen?“