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© Scott Olson/Getty Images

Presseaussendung

Waffengewalt: Überlebende werden im Stich gelassen

11. Juli 2019

Amnesty fordert staatliche Entschädigung und Unterstützung für Überlebende

Die ausufernde Waffengewalt in den USA fordert jährlich Tausende Tote und Verletzte. Gleichzeitig ignoriert die Regierung die Bedürfnisse von Überlebenden und macht ihnen das Leben durch bürokratische Hürden schwer. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International in einem neuen Bericht, der heute veröffentlicht wird.

Der Amnesty-Bericht „Scars of Survival: Gun Violence and Barriers to Reparation in the USA“ dokumentiert, mit welchen Problemen die Menschen konfrontiert sind, die einen Schusswechsel oder einen Amoklauf überlebt haben: Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm, staatliche Unterstützung ist fast nicht zu bekommen. Die US-Regierung muss sicherstellen, dass die Betroffenen umfassend entschädigt und unterstützt werden, fordert Amnesty International.

„Schussverletzungen oft erst der Beginn eines Alptraums“

Die Waffengewalt in den USA ist eine Menschenrechtskrise: Zwischen 2001 und 2017 starben laut CDC (Centers for Disease Control and Prevention) über eine halbe Million Menschen an Schussverletzungen. Weitere 1,3 Millionen Menschen wurden durch Waffengewalt verletzt.

Die aktuellen Recherchen von Amnesty International zeigen: Die US-Regierung unterstützt Überlebende nicht ausreichend. Viele von ihnen erhalten keine angemessene ärztliche Behandlung oder Rehabilitation. Für Überlebende sind die Kosten für die Behandlung ihrer chronischen Schmerzen oft unerschwinglich. Viele können kaum mehr ihren Lebensunterhalt finanzieren. „Betroffene erzählten uns, dass Schussverletzungen erst der Beginn ihres Alptraums waren“, sagt Sanhita Ambast, Amnesty-Expertin für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte.

In den USA wird nicht entschieden gegen Waffengewalt vorgegangen. Daher ist es umso wichtiger, dass Betroffene unterstützt werden.

Sanhita Ambast, Amnesty-Expertin für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte

"Wir fordern die US-Regierung und die Behörden der einzelnen Bundesstaaten auf, sicherzustellen, dass Überlebende von Waffengewalt Zugang zur benötigten Gesundheitsversorgung haben. Die Menschen müssen umfassend darüber informiert werden, welche Gesundheitsversorgung und welche Zuwendungen ihnen zustehen", sagt Sanhita Ambast.

Amnesty International fordert die Behörden außerdem auf, eine umfassende und wirksame Entschädigung für Überlebende von Schusswaffengewalt zu gewährleisten – darunter Schadenersatzzahlungen für das Leid, das ihnen widerfahren ist.

Von der Regierung im Stich gelassen

Amnesty International hat bereits im vergangenen Jahr aufgezeigt, dass die US-Regierung ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung missachtet. Der Kauf, der Besitz und der Einsatz von Schusswaffen durch Privatpersonen werden nicht angemessen reguliert.

Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, fehlen diese in den USA auf Bundesebene fast vollständig. Es existiert kein landesweites Waffenregister. Kein anderes Land der Welt hat so viele Besitzer*innen von Pistolen und Gewehren wie die USA.

Jamie Williford: Beispielhaft für das Leid von Betroffenen

Jamie Williford wurde 2009 durch Schüsse in den Rücken verletzt. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie ist seitdem querschnittgelähmt und leidet heute immer noch unter Gesundheitsproblemen. Ihre Behandlung wird zwar durch Medicaid finanziert, ein Regierungsprogramm, das die Gesundheitsversorgung einiger Menschen mit niedrigem Einkommen sichert. Doch es ist enorm schwer für sie, Mediziner*innen zu finden, die Medicaid akzeptiert. Wie viele andere Überlebende von Schussverletzungen mit dauerhaften Behinderungen hat auch sie Schwierigkeiten, eine leistbare und barrierefreie Wohnung zu finden.

Nach ihrer Verletzung wurde sie in einer staatlichen Einrichtung für Erwachsene untergebracht. Dort hatte sie aber keinen Zugang zu psychologischer Betreuung oder eine Schulausbildung. Seit ihrem 18. Geburtstag lebt sie in Wohngemeinschaften, konnte aber bis heute keine dauerhafte Wohnung finden, die für einen Rollstuhl geeignet ist.

Der Fall von Jamie Williford steht beispielhaft für das Leid der Betroffenen und das Versagen der Behörden: Es fehlt an Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Es gibt massive Schwierigkeiten, ausreichende gesundheitliche Versorgung und bezahlbaren barrierefreien Wohnraum zu bekommen. Bürokratische Hürden hindern Überlebende daran, an staatliche Unterstützungsleistungen zu gelangen.