Feuerwehrleute löschen am 14. Oktober 2026 in Kiew einen Brand in einem Wohnhaus, das von einer russischen Rakete getroffen wurde. © Genya Savilov / AFP
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Ukraine: So viele zivile Todesopfer wie seit Jahren nicht – Angriffe auf Energieversorgung nehmen zu

2. November 2026

Russlands rechtswidriger Angriffskrieg fordert immer mehr Todesopfer unter der Zivilbevölkerung in der Ukraine. Ihre Zahl ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Für Oktober 2026 wird mit so vielen zivilen Todesopfern gerechnet wie seit Jahren nicht mehr. Russlands Angriffe auf ukrainische Energieanlagen und Heizkraftwerke drohen kurz vor dem Winter eine humanitäre Katastrophe auszulösen.

Bereits in früheren Jahren hat das russische Militär kurz vor Wintereinbruch Ziele in der Ukraine angegriffen. Vor diesem Hintergrund ist offensichtlich, dass die vorsätzlichen Angriffe auf Energieanlagen und Heizkraftwerke darauf abzielen, der Zivilbevölkerung schweren Schaden zuzufügen.

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat wegen möglicher Kriegsverbrechen Haftbefehle gegen den russischen Generalleutnant Sergei Iwanowitsch Kobylasch und Admiral Wiktor Nikolajewitsch Sokolow erlassen. Ihnen wird vorgeworfen, Angriffe auf die ukrainische Strominfrastruktur angeordnet zu haben.

Die Russische Föderation greift kurz vor einem kalten Winter erneut in großem Umfang die ukrainische Energie- und Heizinfrastruktur an. Dabei führt sie auch Angriffe fernab der Front durch. Diese Angriffe auf wichtige Infrastrukturanlagen haben unmittelbare Folgen für die Zivilbevölkerung und schaffen eine lebensbedrohliche Situation. Es handelt sich um einen rechtswidrigen Angriffskrieg, die das Kriegsrecht eklatant missachtet und offenbar darauf abzielt, unerträgliche Lebensbedingungen für die ukrainische Zivilbevölkerung zu schaffen.

Scott Edwards, Crisis Response Director bei Amnesty International

„Ungeachtet der Motive des Kremls ist sein Plan, der Zivilbevölkerung das Leben unerträglich zu machen, kriminell und nicht hinnehmbar. Politische Entscheidungsträger*innen aus aller Welt, die diesen Krieg beenden wollen, müssen unverzüglich ihren Einfluss geltend machen, um die Schäden für die Zivilbevölkerung zu begrenzen, bevor sich mit dem Einbruch des Winters eine weitere vorsätzlich herbeigeführte humanitäre Katastrophe entfaltet.“

 

Am 26. Oktober berichtete die Internationale Untersuchungskommission zur Ukraine, dass das russische Militär in der Ukraine Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen habe, indem es gezielt die Energieinfrastruktur angriff und Millionen Menschen bei eisigen Temperaturen ohne Strom und Heizung zurückließ.

 

Amnesty International hat bereits früher dokumentiert, dass Russlands großangelegte Angriffe

auf die Energieinfrastruktur der Ukraine wegen der lebensbedrohlichen Folgen für die Zivilbevölkerung Kriegsverbrechen darstellen könnten.

 

Zivile Opfer und großflächige Stromausfälle

 

Die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine stellte fest, dass im September 2026 mindestens 328 Zivilist*innen durch russische Angriffe getötet und 2.105 verletzt wurden. Das entspricht einem Anstieg von 85 Prozent gegenüber September 2025. In 22 von 24 ukrainischen Regionen wurden Menschen getötet oder verletzt. Zudem dokumentierte die UN-Mission in der ersten Oktoberhälfte 2026 so viele zivile Todesopfer wie seit Jahren nicht mehr.

 

Am 13. und 14. Oktober wurden Berichten zufolge mehrere Energieanlagen getroffen, darunter drei der wichtigsten Kraftwerke Kyjiws. Infolge der Angriffe waren etwa 600.000 Menschen vorübergehend ohne Strom. Bei weiteren russischen Angriffen am 17. Oktober wurden Berichten zufolge mindestens acht Menschen getötet und 60 verletzt. Zudem wurde die Stromversorgung für mehr als eine Million Menschen in neun Regionen unterbrochen.

 

Sowohl das russische Verteidigungsministerium als auch Präsident Wladimir Putin haben in öffentlichen Erklärungen gezielte Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine angekündigt. Frühere Angriffe auf ukrainische Energieanlagen und Heizkraftwerke hatten massive Konsequenzen für die Zivilbevölkerung, über die weithin berichtet wurde und die den russischen Behörden bekannt sind.

 

Im Winter 2025/26 führten die russischen Streitkräfte laut Angaben der Vereinten Nationen mindestens 423 Angriffe auf die Strominfrastruktur und 74 Angriffe auf Heizkraftwerke durch. Diese Angriffe führten zu wiederholten Stromausfällen, von denen Millionen Menschen betroffen waren, und unterbrachen die Heizungsversorgung für Hunderttausende bei Temperaturen von unter -20°C. Der resultierende Ausfall von Strom, Wasser und Heizung beeinträchtigte das Gesundheits- und Bildungswesen und hatte besonders schlimme Folgen für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Frauen und Familien mit Kindern.

 

Nach dem humanitären Völkerrecht gelten Strom- und Heizanlagen grundsätzlich als zivile Objekte, sofern sie nicht die strenge Definition eines militärischen Ziels erfüllen. Auch Angriffe auf militärische Ziele müssen das Unterscheidungsprinzip, den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das Vorsichtsprinzip beachten. Gezielte Angriffe auf zivile Objekte, wahllose Angriffe und Angriffe, bei denen mit unverhältnismäßigen Schäden für die Zivilbevölkerung zu rechnen ist, sind Kriegsverbrechen.

 

Um Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, braucht es starke und unabhängige internationale Justizmechanismen, die auch gegen hochrangige Amtsträger*innen ermitteln und diese strafrechtlich verfolgen können.

Unterdessen geht die US-Regierung mit Sanktionen gegen den IStGH vor, um die Rolle des Gerichtshofs zu untergraben. Amnesty International hat alle relevanten Staaten aufgefordert, sich dem mit angemessenen Maßnahmen entgegenzustellen und den Gerichtshof sowie das internationale Rechtssystem aktiv zu schützen.

 

Gegen Präsident Wladimir Putin liegt wegen möglicher Kriegsverbrechen ein Haftbefehl des IStGH vor. Amnesty International fordert alle Parteien, die dazu in der Lage sind, auf, Präsident Putin festzunehmen und an den IStGH auszuliefern.

 

Forderungen an die russischen Behörden

 

Amnesty International fordert die russischen Streitkräfte auf, ihre systematischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur einzustellen. Die russischen Behörden müssen unverzüglich von weiteren Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht absehen. Zivile Infrastruktur wie Wohngebäude, Krankenhäuser und Schulen sowie Menschen, die keine Kombattant*innen sind, dürfen nicht angegriffen werden.

 

Alle Konfliktparteien müssen das Unterscheidungsprinzip, den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das Vorsichtsprinzip einhalten und Zivilist*innen sowie zivile Objekte schützen. Staaten, die Rechenschaftsmechanismen unterstützen, müssen die erforderliche Expertise und Ressourcen bereitstellen, um Verstöße wirksam zu untersuchen, Beweise zu sichern und mutmaßlich Verantwortliche ausfindig zu machen, auch Kommandeur*innen und hochrangige Amtsträger*innen. Alle Staaten müssen dringend die Funktionsfähigkeit des IStGH gewährleisten und dessen Haftbefehle vollstrecken, wann und wo immer dies möglich ist.

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