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© Amnesty International/Reza Shahriar Rahman

Presseaussendung

Rechte und Würde von älteren Menschen verletzt

18. Juni 2019

Ein neuer Bericht von Amnesty International zeigt auf, dass das humanitäre System in Myanmar und Bangladesch den Bedürfnissen älterer Menschen nicht gerecht wird. Zehntausende Angehörige ethnischer Minderheiten im hohen Lebensalter, die sich aufgrund der Gewalttaten des myanmarischen Militärs auf der Flucht befinden, erhalten keine angemessene humanitäre Versorgung.

Es ist der erste umfassende Amnesty-Bericht über die Verletzung der Rechte und der Menschenwürde älterer Menschen in einem bewaffneten Konflikt und einer humanitären Hilfssituation.

„Ethnische Minderheiten werden in Myanmar seit Jahrzehnten vom Militär ins Visier genommen. Viele ältere Menschen, die im Zuge der jüngsten Militäreinsätze Opfer von Gewalt geworden sind, haben bereits als Kinder oder junge Menschen ähnliche Gräueltaten erfahren. Dies zeigt, wie lange das Militär bereits gewaltsam gegen Minderheiten vorgeht, und wie wichtig es ist, dass die Betroffenen endlich Gerechtigkeit erfahren“, sagt Matthew Wells, Amnesty-Experte für Konflikt- und Krisensituationen.

Ältere Menschen fallen häufig durch das Raster und ihre speziellen Bedürfnisse werden oft übersehen. Es muss dringend dafür gesorgt werden, dass die zur Verfügung gestellte humanitäre Hilfe den Bedürfnissen aller Betroffenen Rechnung trägt.

Matthew Wells, Amnesty-Experte für Konflikt- und Krisensituationen.

„Insgesamt wurden durch den Konflikt und die gewaltsamen Militäreinsätze mehr als eine Million Menschen vertrieben. Darunter befinden sich auch Zehntausende ältere Menschen, die nun in Flüchtlingslagern leben. Die humanitäre Hilfe, die bereitgestellt wurde, hat über die vielen Krisen hinweg zahlreiche Menschenleben gerettet. Doch ältere Menschen fallen häufig durch das Raster und ihre speziellen Bedürfnisse werden oft übersehen. Es muss dringend dafür gesorgt werden, dass die zur Verfügung gestellte humanitäre Hilfe den Bedürfnissen aller Betroffenen Rechnung trägt.“

Militärische Gewalt gegen ältere Menschen

Die Einsätze der Armee in den Bundesstaaten Kachin, Rakhine und Shan und die vom Militär begangenen Gräuelverbrechen bergen für ältere Menschen ganz besondere Risiken. Wenn eine Dorfbevölkerung vor Militärangriffen flieht, sind es oft die Älteren, die zurückbleiben, da sie entweder körperlich nicht zur Flucht in der Lage sind oder sich sehr stark an ihre Heimat gebunden fühlen. Sie sind daher vermehrt in Gefahr, von Militärangehörigen willkürlich inhaftiert, gefoltert oder gar getötet zu werden.

Bei der Militäroffensive gegen die Rohingya im Jahr 2017 verbrannten zahlreiche ältere Frauen und Männer in ihren Häusern. Die 50-jährige Mariam Khatun, die der ethnischen Gruppe der Rohingya angehört, floh mit ihren drei Kindern in den Wald, als Soldat*innen in ihre Ortschaft im Township Maungdaw eindrangen. „Meine Eltern blieben im Haus zurück“, berichtet sie. „Ich hatte zwei kleine Kinder, wie hätte ich meine Eltern auch noch mitnehmen sollen? ... Sie waren körperlich nicht in der Lage zu fliehen.“

Als Mariam Khatun mit ihren Kindern einen Fluss in der Nähe erreichte, blickte sie sich um und sah die Ortschaft in Flammen aufgehen, wohl wissend, dass ihre Elten sich noch in ihrem Haus befanden.

Laut Recherchen von Amnesty International waren unter den getöteten Rohingya der verschiedenen Dörfer besonders viele ältere Menschen. Eine quantitative Studie der Organisation Ärzte ohne Grenzen kommt zum selben Schluss. Sie zeigt auf, dass im ersten Monat nach Beginn des Militäreinsatzes am 25. August 2017 die meisten getöteten Rohingya über 50 Jahre alt waren.

Ältere Menschen im Bundesstaat Rakhine und im Kachin-Staat waren mit einer besonders beschwerlichen Flucht durch bergige Grenzregionen konfrontiert. Die durch das Militär errichteten Straßensperren und die Einschränkung des humanitären Zugangs erschwerten die Lage noch zusätzlich. Amnesty International hat zudem dokumentiert, dass zahlreiche ältere Menschen auf der Flucht gestorben sind, da sie keinen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung hatten.

Humanitäre Hilfe greift zu kurz

In Bangladesch sind mehr als 900.000 Rohingya in Flüchtlingslagern untergebracht und in Myanmar befinden sich mehr als 250.000 Menschen als Binnenvertriebene auf der Flucht. UN-Agenturen und humanitäre Organisationen stehen daher in beiden Ländern vor enormen Herausforderungen. Die Lage wird noch verschärft durch unzureichende Finanzierung der internationalen Hilfsmechanismen und durch staatliche Einschränkungen, insbesondere in Myanmar. Unbestreitbar ist dennoch, dass das humanitäre System die Bedürfnisse älterer Menschen allzu häufig vernachlässigt.

Hinzu kommt, dass ältere Menschen sich aufgrund der zu überwindenden Entfernungen und des Terrains nur schwer Zugang zu Gesundheitseinrichtungen verschaffen können. Und selbst wenn sie Zugang zu solchen Einrichtungen haben, sind manche Kliniken nicht in der Lage, viele chronische Erkrankungen zu behandeln, unter denen ältere Menschen besonders häufig leiden, wie z. B. Bluthochdruck und Atemwegserkrankungen. Da keine ausreichende Gesundheitsversorgung bereitgestellt wird, sehen sich viele ältere Menschen gezwungen, ihre Medikamente auf dem Markt zu kaufen.

Gul Bahar ist um die 80 Jahre alt und gibt eigenen Angaben zufolge jeden Monat 5.000 Taka (etwa 51 Euro) für Medikamente aus. Sie benötigt Tabletten gegen Bluthochdruck, wohingegen die Klinik in der Nähe nur Paracetamol ausgibt. Auf die Frage, wie sie sich die Medikamente leisten kann, antwortete sie: „Wir verkaufen einen Teil unserer Essensration und des zum Kochen bereitgestellten Öls. Wir haben auch unsere Decken verkauft.“

Zatan Hkawng Nyoi, eine 67-jährige Angehörige der Kachin, die ihr Leben lang als Bäuerin gearbeitet hat, bevor sie vertrieben wurde, sagte Amnesty International: „Ich bin zu Arbeitstellen gegangen und habe um Arbeit gebeten. Sie haben gesagt, ich sei zu alt und wäre nicht in der Lage, so weit zu laufen [zu den Reisfeldern].“

Im Allgemeinen sind ältere Menschen – und besonders ältere Frauen – auch in den Entscheidungsgremien der Flüchtlingslager unterrepräsentiert, was bedeutet, dass sie nicht an der Entscheidungsfindung mitwirken.

„Ältere Menschen müssen besser in alle Aspekte der humanitären Intervention einbezogen werden. Ihre Stimmen müssen in Bezug auf die anfängliche Lagebewertung und die Bereitstellung der Hilfe gehört werden. Wer die Rechte älterer Menschen wirksamer schützen will, tut dies am besten, indem er Gebrauch von ihren einzigartigen Fähigkeiten und ihrer Lebenserfahrung macht“, sagt Matthew Wells.

Wiederholte Traumatisierung

Für viele ältere Menschen in Myanmar, die ethnischen Minderheiten angehören, ist ihre jüngste Vertreibung nur eine von vielen bereits durchlebten Konflikten und Militäroffensiven. Amnesty International hat mit zahlreichen Personen gesprochen, die unter anderem den ethnischen Gruppen der Kachin, Rohingya und Shan angehören und die in ihrer Lebenszeit zum Teil bereits drei Mal aus ihrer Heimat fliehen mussten: oft als Kinder, als junge Erwachsene und dann als ältere Menschen. Dies hat nicht nur negative psychosoziale Folgen, sondern wirkt sich auch nachteilig auf die wirtschaftliche Situation der Betroffenen aus.

„Ich bin seit meinem neunten Lebensjahr immer wieder auf der Flucht ... Ich musste immer auf der Hut sein. Egal was ich tue, ob auf dem Bauernhof oder im Obstgarten, inneren Frieden finde ich keinen“, sagt Nding Htu Bu, eine 65-jährige Kachin, die in einem Lager für Binnenvertriebene lebt.

In manchen Fällen mussten ältere Menschen mitansehen, wie eines oder mehrere ihrer Kinder von Armeeangehörigen getötet oder vergewaltigt wurden.

Doch trotz dieser akuten und chronischen schädlichen Auswirkungen gibt es kaum psychosoziale Betreuung für ältere Menschen, und schon gar keine speziell auf sie abgestimmten Programme.

Verbesserungen kamen nicht schnell genug

Amnesty International hat die Erkenntnisse aus dem Bericht dem bangladeschischen Büro des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge und der Internationalen Organisation für Migration vorgelegt und um eine Stellungnahme gebeten. Beide Organisationen beriefen sich auf Herausforderungen, insbesondere zu Beginn der Krise, und verwiesen auf große Fortschritte in der allgemeinen Bereitstellung von Hilfslieferungen. Sie führten zudem laufende oder geplante Initiativen an, mit denen für eine stärkere Einbeziehung von älteren Menschen gesorgt werden soll.

„Es hat in den Lagern erhebliche Verbesserungen gegeben. Doch für viele ältere Menschen kamen sie nicht schnell genug und lassen nach wie vor zu wünschen übrig. Die Rechte älterer Menschen sollten bereits bei der Ausarbeitung der humanitären Krisenstrategie und bei der Bereitstellung der Hilfe bedacht werden, nicht erst danach. Nur so können die grundlegenden humanitären Prinzipien gewahrt bleiben: Hilfeleistung basierend auf den Bedürfnissen aller betroffenen Menschen“, betont Matthew Wells, und sagt weiter:

„Außerdem müssen staatliche Geldgeber die humanitären Maßnahmen in Myanmar und Bangladesch stärker unterstützen und dafür sorgen, dass bei der Umsetzung dieser Maßnahmen die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen berücksichtigt werden.“