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© Alex Jürgen

Presseaussendung

Deutschland/Dänemark: Zum Wohle des Kindes?

10. Mai 2017

„Normalisierungsverfahren“ durchgeführt, ohne zu wissen, wie sie sich auf Leben der Kinder auswirken

Schätzungen zufolge werden rund 1,7 Prozent der weltweiten Bevölkerung mit Variationen der Geschlechtermerkmale geboren. Etwa gleich viele, wie Menschen mit roten Haaren. Menschen, die in Deutschland oder Dänemark mit einer Variation der Geschlechtsmerkmale zur Welt kommen, werden häufig als Kinder oder Jugendliche operiert oder hormonellen Behandlungen unterzogen. Diese schweren Eingriffe werden vorgenommen, obwohl keine akute medizinische Notwendigkeit vorliegt. Sie sind unumkehrbar und können langfristige körperliche und seelische Folgen haben, wie aus dem aktuellen Bericht von Amnesty International hervorgeht.

Sogenannte Normalisierungsverfahren werden durchgeführt, ohne genug darüber zu wissen, wie sie sich auf das Leben der betroffenen Kinder auswirken.

Laura Cater, Researcherin zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität bei Amnesty International

„Es handelt sich um schwere Eingriffe in sensibles Gewebe, mit lebenslangen Folgen für die Betroffenen. Und das nur, damit sie den Stereotypen entsprechen, wie ein Mädchen oder ein Junge auszusehen hat.  Die Frage ist doch: wer profitiert davon? Denn unsere Untersuchungen zeigen, für die Betroffenen sind es schreckliche Erfahrungen.“

In der Praxis empfehlen Ärztinnen und Ärzte den Eltern häufig Genitaloperationen, um die Kinder zu ‚normalisieren‘. Dabei werden die Eltern nur unzureichend über Methoden und Folgen der Operation informiert oder psychologisch unterstützt.

Maja Liebing, Expertin für die Rechte von intergeschlechtlichen Menschen bei Amnesty International in Deutschland

Vielen Betroffenen fehlen auch im Erwachsenenalter die notwendigen Informationen über die vorgenommenen Eingriffe. „Wenn Verjährungsfristen abgelaufen sind und relevante Informationen fehlen, ist es fast unmöglich, eine Entschädigung für die erfahrenen Menschenrechtsverletzungen einzufordern“, kritisiert Liebing die Situation in Deutschland. „Zwar gibt es gute Leitlinien für die Behandlung von Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale, diese sind jedoch nicht verbindlich genug,“ so Liebing weiter.

Amnesty International fordert die dänische und die deutsche Regierung auf, dass mit Ausnahme von Notfallbehandlungen, keine Eingriffe an Kindern mit Variationen der Geschlechtsmerkmale durchgeführt werden. „Jede Behandlung sollte wenn möglich aufgeschoben werden, bis das Kind die Reife besitzt, um über seinen Körper mitzuentscheiden“, sagt Carter abschließend.