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© Anna Gusela/Amnesty International

Aus dem Magazin

Außer wir tun es

1. Dezember 2020

Auch im Corona-Jahr gibt es Gutes.

Drei gESCHICHTEN von Aktivist*innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, die das Beste aus der Krise machen.

Das wird kein gutes Jahr, prophezeiten manche schon im Frühling. Und tatsächlich wurde vieles, das man nicht für möglich gehalten hätte, im Laufe der letzten Monate schockierende Realität: Unzählige Menschen haben ihr Leben, ihre Liebsten, ihre Arbeit, ihre Zukunftspläne verloren.

Viele kämpfen mit den Folgeschäden einer COVID-19-Erkrankung, der Rückkehr traditioneller Rollenbilder und den psychischen Folgen der wochen- oder teilweise monatelangen Isolation, Überforderung und Überarbeitung.

Wenn wir diese Zeilen schreiben, ist das, was dieses Jahr passiert ist, in vielerlei Hinsicht nach wie vor unfassbar. Doch eines scheint klar: 2020 ist kein gutes, nein, es ist ein überaus schwieriges Jahr.

Aus dem Amnesty Magazin

Illustrationen von Anna Gusella

Lichtblicke von Lea de Gregorio, Maik Söhler (Amnesty Journal Deutschland), Manuela Reimann-Graf, Carole Scheidegger (Amnesty Journal Schweiz) und Martina Powell (Amnesty Magazin Österreich)

Und trotzdem gibt es in diesem Jahr auch Gutes: Menschen, die sich trotz – oder gerade wegen – der Krise für andere und ihre Rechte einsetzten.

Manchmal mit kleinen Gesten oder unter großen Widerständen, mit langem Atem und viel Kreativität. Für diese Ausgabe haben wir drei Beispiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz gesammelt, die uns hoffnungsvoll stimmen. Denn COVID-19 hat auch gezeigt: Wir müssen nicht so weitermachen wie bisher, wir können für die Zukunft andere Entscheidungen treffen. Zum Beispiel können wir uns dafür entscheiden, Menschen, die obdachlos sind oder vertrieben wurden, jene Sicherheit zu bieten, die wir für uns und für unsere Liebsten wünschen. Viele Menschen haben nach Ausbruch der Krise angepackt und anderen inmitten der Krise Hoffnung, Halt und Hilfe gegeben.

2020 mag kein gutes Jahr gewesen sein. Doch mit den richtigen Entscheidungen können wir dafür sorgen, dass die nächsten besser werden.

Denn nicht zuletzt hat sich in diesem Jahr auch gezeigt, wie fundamental Menschenrechte unseren Alltag berühren und dass Freiheit, der Schutz von Leben und Gesundheit, das Recht auf Privatsphäre und Informationen nicht selbstverständlich sind. Wir können uns
in Zukunft für eine Politik entscheiden, die genau das anerkennt und unsere Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt.

Österreich: Einfach mal machen

Nachbarschaftshilfe ohne Händeschütteln: In Österreich geht Solidarität viral.

Ein Dienstag im März. Während Bundeskanzler Sebastian Kurz den Lockdown verkündet und die Menschen sozial Abstand nehmen, geht eine Botschaft in den sozialen Netzwerken viral: Seien wir füreinander da! Immer mehr teilen den Hashtag #NachbarschaftsChallenge und posten Fotos von Zetteln in Treppenhäusern. Man möchte besonders alte oder immunschwache Menschen unterstützen, Besorgungen für sie erledigen oder sonstige Hilfe anbieten.

Alexander Taubenkorb ist einer von vielen, den die Aktion sofort begeistert. Doch der 33-Jährige sieht angesichts Tausender Hilfsangebote, die spontan in Treppenhäusern auftauchen oder im Netz gepostet werden, auch ein Problem: „Wenn du in der Wohnhausanlage einen Zettel aufhängst oder in eine Facebook-Gruppe schreibst, sehen es die Menschen im direkten Umfeld oder die, die Teil der Gruppe sind. Doch andere, die
auch mitmachen könnten, bekommen vielleicht nichts davon mit.“

Wenn’s einem Menschen hilft, ist das auch schon was.

Alexander Taubenkorb, 33, Gründer der Website corona-nachbarschaftshilfe.at

Also bastelt der IT-Experte über Nacht die Website corona-nachbarschaftshilfe.at. Dort kann jede*r nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage Hilfsangebote oder -gesuche eintragen – vom Gassigehen über Gulaschkochen bis zur Mathenachhilfe. „Wenn’s einem Menschen hilft, ist das auch schon was“, denkt sich Taubenkorb. Doch seine Erwartungen werden schnell übertroffen: Kaum ist die Website online, kann Alexander im Minutentakt beobachten, wie die Menschen zusammenfinden. Bald muss er so viele Einträge bearbeiten, dass er seine Arbeitskollegin um Unterstützung bittet.

Auch Rebekka Dober hat in den Tagen, als die Solidaritätswelle durch die sozialen Medien und die Straßen Österreichs schwappt, viel zu tun. Dabei steht für die Gründerin der Initiative YEP – Stimme der Jugend in den ersten Tagen nach dem Lockdown alles zunächst still: „Von einem Tag auf den anderen waren Unis und Schulen zu, Events abgesagt. Dabei leben wir vom direkten Austausch und Treffen mit Jugendlichen. Das war ein echter Schockmoment“, sagt die 28-Jährige.

Untätig herumsitzen wollte Rebekka aber auch nicht. Von der #Nachbarschafts-Challenge inspiriert, gründete sie die Facebook-Gruppe „Community Instant Action“. Über Nacht hatte sie Hunderte, bald Tausend Mitglieder. „Es war schön zu sehen, dass so viele das, was sie können und gerne machen, anderen zur Verfügung stellen.“ Und bald wurde aus der spontanen Gruppe mehr: „Über den Austausch in der Community haben wir gemerkt, wie groß der Informationsbedarf in Sachen Homeschooling sowohl für Leh-rer*innen als auch Schüler*innen ist.“

Und so wurde YEP gemeinsam mit Freiwil-ligen und zivilgesellschaftlichen Organi-sationen Teil der Initiative „Weiterlernen“ des Bildungsministeriums – mit dem Ziel, Lehrer*innen sowie Schüler*innen mehr Informationen, Material und vor allem Unterstützung zur Verfügung zu stellen.

„Jeder Mensch kann etwas verändern, und jede*r sollte sich auch zuständig fühlen, etwas zu verändern“, sagt Dober, die den Wintermonaten mit Spannung entgegenblickt: „Wer weiß, was aus der Community sonst noch alles entsteht?“

Beide möchten weitermachen. Dass nach dem ersten Ansturm die Zahl der Zugriffe auf seine Website nun langsam sinkt, sieht Taubenkorb positiv: Denn das bedeute, dass die Menschen gut versorgt seien.

Text von Martina Powell

Deutschland: Hilfsarbeit mit Teilhabe

Ein Netzwerk aus Aktivist*innen und Geflüchteten erfindet sich im Lockdown neu.

Anfang April 2020, in Bayern herrscht Lockdown. Acht Hilfsorganisationen, alle in der Betreuung
von Geflüchteten tätig, setzen sich zusammen und beraten. An ihre Schützlinge kommen sie nicht mehr heran, der Zugang zu den Unterkünften ist pande-miebedingt versperrt. Was nun?
„Wir haben ein Soforthilfenetzwerk gebildet“, sagt Michelle Kerndl-Özcan, Referentin für Gender Based Violence und psychische Gesundheit bei der NGO Ärzte der Welt. „Es ging uns darum, weiter mit den Geflüchteten in Kontakt zu bleiben, Informationen aus den Unterkünften zu bekommen, aber auch hineintragen zu können.“ Die rettende Idee: Warum nicht Frauen aus den Unterkünften selbst in das Hilfsprojekt einbinden? So entstand das „Multiplikato-rinnen-Netzwerk für geflüchtete Frauen“.

Wir haben gelernt, wie viel es bringt, die Betroffenen selbst in unsere Hilfsarbeit einzubinden.

Michelle Kerndl-Özcan, Referentin bei Ärzte der Welt, Deutschland

Ende April sind sechs Frauen am Start: Sie kommen aus Nigeria, Uganda und Afghanistan und leben in verschiedenen Unterkünften in Bayern. Die Freiwil-ligen werden mit einem Gigabyte an Datenvolumen pro Monat ausgestattet; das WLAN in den meisten Unterkünften ist zu schlecht, um online arbeiten zu können. Seither tauschen sie sich wöchentlich mit Kerndl-Özcan und ihren beiden Kolleginnen aus, zumeist online. Wie geht es den Frauen in den Unterkünften? Welche aktuellen Informationen zur Pan-demie gibt es? Welche Probleme bestehen vor Ort? Welche Organisationen oder Anlaufstellen können helfen?


„Während wir am Anfang über Corona-Maßnah-men, Homeschooling und Gerüchte zur Pandemie aufgeklärt haben, stehen mittlerweile Fragen zu Schule, Ausbildung und Deutschkursen, aber auch zu Ernährung, Verhütung oder Gewalt gegen Frauen im Mittelpunkt“, sagt Kerndl-Özcan. „Wir arbeiten bedarfsorientiert.“

Im Anschluss an jede Sitzung fassen Kerndl-Özcan und ihre Kolleginnen alle Informationen in einem Newsletter zusammen. Dieser geht an zahlreiche Or-ganisationen in München, die mit Geflüchteten arbei-ten, und an die Multiplikatorinnen selbst. Sie geben die Informationen an die ihnen bekannten Frauen in den Unterkünften weiter. Der Informationsfluss funktioniert. Immer wieder bekommt das Team Rückmeldung, dass die Multiplikatorinnen Frauen an Hilfsadressen vermitteln konnten.

„Wir unterstützen nur“, betont Kerndl-Özcan, „wir wollen die Frauen ja empowern, selbst bei den Organisationen anzurufen.“ So hat Faith geholfen, einer Geflüchteten Zugang zur Krankenversicherung zu vermitteln. Und Lilian hat dafür gesorgt, dass drei Frauen, die traumatischen Situationen ausgesetzt waren, psychologische Hilfe erhalten. „Es tut mir gut, helfen zu können“, sagt Lilian. „Mir wurde schließlich auch mehrmals geholfen.“ Aber nicht nur die geflüchteten Frauen und ihre Familien profitieren von dem Multipli-katorinnen-Netzwerk. „Wir haben gelernt, wie viel es bringt, die Betroffenen selbst in unsere Hilfsarbeit einzubinden“, sagt Kerndl-Özcan.

Text von Uta von Schrenk

Schweiz: Wir wollen Wertschätzung

Die Pflegerin Lea Daum macht sich stark für ihre Patient*innen – und für den Schutz des Gesundheitspersonals.

Plötzlich ist die Schweiz im Lockdown: Geschäfte schließen, der Kulturbetrieb wird eingestellt, ein Großteil der Arbeit ins Home Office verlagert. Wer kann, zieht sich im vergangenen März zurück ins sichere Zuhause. Nicht alle können. Die Fachangestelle im Gesundheitssektor Lea Daum ist eine von jenen, die nicht können. Wie alle rund 400.000 Beschäftigen im Gesundheitswesen der Schweiz ist die Mutter einer zweijährigen Tochter systemre-levant, heißt: Ihre Arbeit lässt sich nicht aussetzen, und sie lässt sich nicht aus der Ferne machen. Pflegen bedeutet physische Nähe, das Risiko einer Übertragung des Corona-virus ist entsprechend hoch.

Die Gefahr einer Ansteckung erfuhr Lea Daum am eigenen Körper. Sie war eine von mehreren Pfleger*innen auf ihrer Station einer psychiatrischen Klinik, die sich im Kontakt mit den Patient*innen mit dem neuartigen Coronavirus infizierten. „Vor allem, weil lange keine ausreichenden Schutzmaßnah-men ergriffen wurden“, sagt die 30-Jährige.

Auch als Mitte April der erste COVID-19-Fall unter den Bewohner*innen auftrat, habe die Klinik weder das Personal noch die Patient*innen durchgehend auf das Virus testen lassen. „Die Leitung hat das Ansteckungsrisiko selbst da noch völlig heruntergespielt.“

So kommt es, dass auf Leas Station innerhalb von zwei Wochen eine zweite Welle von Ansteckungen ausbricht. Auch die junge Mutter fühlt sich angeschlagen, hat Kopfschmerzen, Husten – und soll trotzdem weiterarbeiten. Doch das lässt sie sich nicht mehr gefallen. Sie weigert sich, ohne einen Test seitens der Klinik und die Gewissheit, nicht mit dem Virus infiziert zu sein, weiter Patient*innen zu pflegen. Das Team steht hinter ihr, Lea wird endlich getestet: positiv. Erst jetzt kann sie zu Hause bleiben, und erst jetzt verabschiedet die Klinik ein umfassendes Schutzkonzept.

Es sind vor allem Frauen, die in diesem Land die Gesundheitsversorgung sicherstellen – und nebenbei noch den Haushalt und die Kinderbetreuung übernehmen.

Lea Daum, Fachangestellte im Gesundheitssektor, Schweiz

„Ich bin ein Mensch, der sagt, was mir nicht passt“, erklärt Lea ihren Willen, sich für den Schutz des Pflegepersonals und die Gesundheit ihrer Patient*innen einzusetzen. Personalmangel, fehlendes Material, unbezahlte Überstunden und schlechte Löhne seien im Gesundheitswesen schon lange ein Problem, nicht erst seit der Pandemie. „Und jetzt müssen wir uns auch noch Tag für Tag der Gefahr einer Corona-Ansteckung aussetzen.“ Zwar hätten die Missstände in der Pflege nun für einen kurzen Moment etwas Aufmerksamkeit bekommen, aber geändert habe sich nichts.
„Es sind vor allem Frauen, die in diesem Land die Gesundheitsversorgung sicherstellen – und nebenbei noch den Haushalt und die Kinderbetreuung überneh-men“, macht die Pflegerin klar. „Wir haben es verdient, nicht vergessen zu gehen, und wollen echte Wertschät-zung für unsere Arbeit. Der Applaus genügt schon lange nicht mehr.“ Was es jetzt endlich brauche, seien vielmehr „ausreichend Personal, gerechte Löhne und Gefahrenzulagen, subventionierte Ausbildungen“ und, nicht zuletzt, „Mütter-Schichten!“ Also familienfreundliche Arbeitszeiten und Dienste. Dafür setzt sich Lea Daum weiter ein. Als Pflegerin, aber auch als aktives Mitglied einer Jungpartei.

Text von Jonathan Hoppler

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