Ältere Menschen im Gazastreifen leiden unter einer Gesundheitskrise durch Blockade von Hilfsgütern, Medikamenten und Arbeitsverboten. © Amnesty International
Ältere Menschen im Gazastreifen leiden unter einer Gesundheitskrise durch Blockade von Hilfsgütern, Medikamenten und Arbeitsverboten. © Amnesty International
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Kaum Essen, Medikamente und Schutz: Studie von HelpAge International und Amnesty International deckt Leid älterer Menschen im Gazastreifen auf

5. Februar 2026

Ältere Menschen im Gazastreifen leiden unter einer nicht beachteten physischen und psychischen Gesundheitskrise angesichts der anhaltenden israelischen Blockade von Hilfsgütern und lebenswichtigen Medikamenten sowie des jüngsten Arbeitsverbots für humanitäre Organisationen im Gazastreifen. Neue Untersuchungen von HelpAge International und Amnesty International kommen zu diesem Ergebnis.

 

„Ältere Menschen hungern und sind medizinisch unterversorgt. Die meisten von ihnen verbringen ihre letzten Lebensjahre qualvoll und ohne ausreichend Schutz in überfüllten Zelten. Nicht zufällig, sondern weil Israel das bewusst so entscheidet. Das Leiden muss beendet und vollumfängliche Hilfe geleistet werden. Das ist Israels Pflicht – daran zu erinnern, die Pflicht von uns allen.“

Shoura Hashemi, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich

In einer von HelpAge International durchgeführten Gesundheitsumfrage gaben ältere Menschen an, dass sie aufgrund der Lebensmittelknappheit Mahlzeiten auslassen müssen, auch um sicherzustellen, dass andere Familienmitglieder etwas zu essen haben, während andere sagten, dass sie Medikamente für schwere Krankheiten rationieren müssen, weil sie nicht zugänglich sind.

Binnenvertriebene ältere Menschen schilderten Amnesty International auch, dass sie aufgrund der anhaltenden Blockade durch die israelischen Behörden keinen Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, angemessenen Unterkünften und medizinischer Versorgung haben und es ihnen deshalb sehr schlecht geht. Die befragten Personen wurden seit Oktober 2023 mehrfach vertrieben.

Die Ergebnisse der Umfrage von HelpAge International

HelpAge International hat 416 ältere Menschen im Gazastreifen befragt und die Ergebnisse in einem neuen Bericht Pushed Beyond Their Limits: The survival of older people in Gaza today  veröffentlicht. Inmitten von schwerem Nahrungsmittelmangel und dem Zusammenbruch lebenswichtiger Sozialleistungen sind ältere Menschen besonderen und oft nicht beachteten Gefahren ausgesetzt. Ihre Bedürfnisse bleiben weitgehend unsichtbar. Zu den wichtigsten Ergebnissen der Umfrage von HelpAge International gehören:

  • Ältere Menschen leben unter schutzlosen Bedingungen: 76 % der Befragten leben in Zelten, die oft stark überbelegt sind. 84 % gaben an, dass ihre derzeitigen Lebensbedingungen ihre Gesundheit und Privatsphäre beeinträchtigen.
  • Vertreibung ist eine sich wiederholende und destabilisierende Erfahrung: 79 % der befragten Personen wurden seit Oktober 2023 mehr als dreimal vertrieben, was die familiäre Unterstützung unterbricht und die Isolation verstärkt.
  • Gesundheitliche Probleme sind weit verbreitet und weitgehend unbehandelt: Trotz der hohen Prävalenz von chronischen Schmerzen und Krankheiten ist der Zugang zu Medikamenten extrem eingeschränkt: 42 % der Befragten können sie nur „manchmal“ und 18 % „selten“ erhalten. 68 % der Befragten reduzierten oder beendeten die Behandlung aufgrund mangelnder Verfügbarkeit. Insgesamt ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung nach wie vor extrem eingeschränkt: Nur 17 % der Befragten gaben an, dass die Gesundheitsversorgung in vollem Umfang zur Verfügung steht, und die nicht erfolgte Behandlung chronischer Erkrankungen ist mit 31 % die am häufigsten genannte gesundheitliche Problematik.
  • Die Ernährungsunsicherheit ist akut und kann lebensbedrohlich sein: Während die Hälfte der Befragten angab, dass der Zugang zu Hilfeleistungen seit dem Waffenstillstand einfacher geworden sei, hatten 11 % in den letzten 24 Stunden keine Mahlzeit zu sich genommen; und 48 % haben ihre eigene Nahrungsaufnahme reduziert, um sicherzustellen, dass andere etwas zu essen haben.
  • Die psychische Belastung ist groß und wirkt sich direkt auf die Ernährung aus: 77 % der befragten Personen gaben an, dass Traurigkeit, Angst, Einsamkeit oder Schlaflosigkeit ihren Appetit verringern und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen.

„In bewaffneten Konflikten werden die Bedürfnisse älterer Menschen oft übersehen. Als direkte Folge der von Israel bewusst herbeigeführten Lebensbedingungen, die auf die physische Zerstörung der Palästinenser*innen im Gazastreifen abzielen, ist die körperliche und geistige Gesundheit älterer Menschen auf einem absoluten Tiefpunkt", sagt Erika Guevara-Rosas, leitende Direktorin für Recherchen, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International.

Die Umfrage von HelpAge International zeigt, wie Israels anhaltende rechtswidrige, grausame und unmenschliche Beschränkungen der Lieferung lebensrettender Hilfsgüter sowohl den Zugang älterer Menschen zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung und zu Medikamenten als auch zu nahrhaften Lebensmitteln und angemessenen Unterkünften erheblich beeinträchtigt.

„Die Rechte und Bedürfnisse der älteren Menschen in Gaza dürfen nicht ignoriert werden. Viele Menschen leiden nach wie vor unter unwürdigen Lebensbedingungen und einer verzweifelten humanitären Lage nach der Zerstörung ihrer Häuser und wiederholten Vertreibungen. Die israelischen Behörden müssen ihre Blockade sofort und bedingungslos aufheben und den ungehinderten Zugang zu lebenswichtigen Gütern, einschließlich Medikamenten und Materialien für Unterkünfte, ermöglichen“, führt Erika Guevara-Rosas weiter aus.

In den Wintermonaten müssen die Palästinenser*innen in Gaza - die meisten von ihnen leben in baufälligen Zelten oder Behelfsunterkünften - auch überlaufende Abwässer und Überschwemmungen ertragen und sind Stürmen ausgesetzt. Israel hat außerdem die Registrierung von 37 Nichtregierungsorganisationen, die im Gazastreifen und im Westjordanland tätig sind, mit Wirkung vom 1. Januar ausgesetzt und sie wurden aufgefordert, ihre Tätigkeit innerhalb von 60 Tagen einzustellen.

„Das Leben ist noch elender geworden"

Diese Ergebnisse wurden durch die Recherchen von Amnesty International bestätigt, die Interviews mit 12 älteren Menschen aus allen Regionen des besetzten Gazastreifens umfassten, die in Zelten in den Lagern für Binnenvertriebene in der Region Zawayda leben, wo die Lebensbedingungen extrem schwierig sind. In den meisten Fällen erleichterte ein Angehöriger für die Interviews die Kommunikation mit der älteren Person, von denen viele eine Behinderung hatten oder Hilfe bei der Bedienung eines Smartphones benötigten.

Die Befragten gaben an, dass sie gezwungen waren, Medikamente für bestehende chronische Krankheiten abzusetzen oder zu rationieren, da diese entweder nicht mehr verfügbar waren oder sich um das Drei- bis Vierfache verteuert hatten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation waren im Oktober 2025 weniger als 14 der 36 Krankenhäuser des Gazastreifens teilweise funktionsfähig, während weniger als ein Drittel der Rehabilitationseinrichtungen einsatzbereit waren, was den Zugang älterer Menschen zur Pflege stark einschränkte.

Einige ältere Menschen haben erheblich an Gewicht verloren, und die meisten sind auf Gemeinschaftsküchen angewiesen, die nicht immer ausreichend nahrhaftes Essen anbieten. Das Gelände in den Lagern für Binnenvertriebene, das oft uneben und sandig ist, hindert diejenigen, die Rollstühle oder Gehhilfen benutzen, daran, sich frei zu bewegen, so dass sie vollständig von Verwandten abhängig sind.

Der 61-jährige Mohammed Bili ist seit Oktober 2023 sieben Mal vertrieben worden. Er benötigt dreimal pro Woche eine Dialyse. Die Einrichtung, in der er diese Behandlung zuvor erhalten hatte, wurde jedoch zerstört, so dass jetzt nur noch zweimal pro Woche eine kürzere Dialysebehandlung möglich ist. Er kann seinen Rollstuhl auf dem Gelände des Lagers kaum benutzen und hat fast 20 kg abgenommen.

Er sagte den Mitarbeiter*innen von Amnesty International: „Ich leide unter extremer Steifheit in meinen Armen und Muskelschwäche, weil ich nicht so häufig zur Dialyse gehen kann, wie es nötig wäre."

Die 88-jährige Samira Al-Shawa hatte eine Gehhilfe benutzt, um sich unabhängig bewegen zu können. Jetzt lebt sie in einem Lager für Binnenvertriebene, wo sie wegen des sandigen Bodens überhaupt nicht mehr laufen kann. Die meiste Zeit verbringt sie auf einem behelfsmäßigen Bett in ihrem Zelt. Gemeinschaftsküchen von Hilfsorganisation versorgen ihre Familie mit Nahrungsmitteln, die jedoch nicht ausreichend oder nahrhaft genug sind. Auch sie hat seit Oktober 2023 etwa 20 kg abgenommen.

Sadiqa Al-Barrawi, die etwa 90 Jahre alt ist, wurde seit Oktober 2023 dreimal vertrieben. Sie lebt derzeit mit ihrem Sohn, dessen Frau und ihren vier Kindern in einem Zelt im Binnenflüchtlingslager Salam. Als sie eines Abends im Januar 2025 auf die Toilette ging, stürzte sie und verletzte sich, so dass sie jetzt weder stehen noch gehen kann. Sie sagte Amnesty International: „Seitdem ist das Leben noch elender geworden.“

Sadiqa Al-Barrawi leidet an Diabetes und Bluthochdruck. Sie hat etwa 25 kg abgenommen und ist auf von Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellte Nahrung angewiesen. Sie fügte hinzu: „Wir leben eigentlich von der Landwirtschaft. Zu Hause im Dorf haben wir Land und die besten frischen Lebensmittel - und jetzt haben wir nichts mehr.“

Hintergrund

Die über 60-Jährigen machen etwa 5 % der Bevölkerung des Gazastreifens aus. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden seit Oktober 2023 bis Anfang Dezember 2025 insgesamt 4.813 ältere Menschen im Gazastreifen getötet, wobei in dieser Zahl die indirekten Todesfälle, z. B. durch zerstörte Gesundheitsinfrastruktur, nicht enthalten sind. Laut einem Bericht der UNWRA verlieren viele ältere Menschen aufgrund der Kampfhandlungen oder im Zuge der Vertreibung die Verbindung zu den Personen, die sie betreut hatten. Amnesty International hat dokumentiert, wie ältere Menschen in bewaffneten Konflikten einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind und ihre humanitären Bedürfnisse systematisch ignoriert werden.

Im Dezember 2024 kam Amnesty International zu dem Schluss, dass Israel im Gazastreifen einen Genozid begeht, da es Handlungen, die nach der Völkermordkonvention verboten sind, in der Absicht begangen hat, die Palästinenser*innen im Gazastreifen zu zerstören. Zu den verübten Taten gehören Tötungen, schwere körperliche oder seelische Verletzungen und die vorsätzliche Verursachung von Lebensbedingungen, die auf die physische Zerstörung der Palästinenser*innen im Gazastreifen abzielen.

Trotz eines Rückgangs der Angriffe seit dem Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025 hat sich  an den Bedingungen, die Israel für die Palästinenser*innen in Gaza schafft, nichts Wesentliches geändert, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich Israels Absicht, einen Genozid zu begehen, geändert hat.

Genozid in Gaza: Gegen das Schweigen und für die Opfer

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