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„Wir sehen so viel Widerstandskraft und Stärke“

6. Juli 2016

Amnesty-Campaignerin Nyagoah Tut: Traumata werden nicht aufgearbeitet

Sudan und Südsudan erleben seit Jahrzehnten gewaltsame Konflikte. Das hat Folgen für die psychische Gesundheit der Menschen. Nyagoah Tut ist Campaignerin für beide Länder im Amnesty-Regionalbüro in Nairobi und hat mit Betroffenen in den Konfliktgebieten gesprochen. Im Interview berichtet sie von der fehlenden Aufarbeitung der Traumata und neuen Technologien, um Leid sichtbar zu machen.

Interview: Vera Dudik

Warum arbeiten Sie für Amnesty?
Wenn man für eine große Organisation wie Amnesty arbeitet, ist es nicht nur deine Stimme, die du zu einem Thema erheben kannst, sondern die Stimmen von mehr als sieben Millionen Menschen. Ich wollte Teil dieser globalen Bewegung sein. Wir sind Millionen, die Veränderungen fordern. Eine meiner größten Inspirationen war auch, dass mein Onkel im Südsudan unrechtmäßig verfolgt und inhaftiert wurde. Er wurde nicht einmal in eine richtige Gefängniszelle gesteckt, sondern in ein Loch geworfen, in dem er monatelang ausharren musste. Aufgrund dieser Erfahrung wollte ich sicherstellen, dass jeder Mensch fair behandelt wird.

Beeinflusst die südsudanesische Regierung Ihre Arbeit?
Wenn wir Missionen durchführen, sichern wir unsere Laptops, damit die Regierung keine Beweise gegen uns verwenden kann, falls sie sie konfiszieren. Mein Team und ich wurden nie direkt bedroht, aber wir versuchen immer, uns unverdächtig zu verhalten und unsere Quellen zu schützen. Es gibt Befürchtungen, dass der Geheimdienst zunehmend Aktivistinnen und Aktivisten überwacht. Deswegen müssen wir immer Augen und Ohren offen halten. Das hält uns wachsam und schützt unsere Quellen.

An welcher Kampagne arbeiten Sie zurzeit?
In der ersten Juliwoche haben wir einen Bericht zu den Folgen des Konflikts im Südsudan für die psychische Gesundheit der betroffenen Menschen veröffentlicht. Stein des Anstoßes war, dass das Land Jahrzehnte der Gewalt erlebt hat und sich dies natürlich direkt auf die mentale Gesundheit der Menschen auswirkt. Aber die Menschen setzen sich nicht wirklich damit auseinander. Wir haben unsere Recherchen zwischen April und Mai 2015 in drei Bundesstaaten durchgeführt und dabei sowohl mehr als 150 Menschen – Überlebende von sexueller Gewalt und Massenhinrichtungen – als auch Organisationen und Regierungsvertreter befragt.
 
Waren die Menschen bereit, über solche sensiblen Themen zu sprechen?
Während jeder Recherche muss man erst das Vertrauen der Menschen gewinnen, mit denen man spricht. Manche hatten Angst, dass wir Wunden aufreißen würden, die noch nicht ganz verheilt sind. Andere hingegen wollten sehr gerne mit uns über ihre traumatischen Erlebnisse  sprechen, weil sie sonst noch nie jemand danach gefragt hatte. Natürlich leiden viele unter psychischen Belastungen, aber gleichzeitig sehen wir so viel Widerstandskraft und Stärke. Und es ist Aufgabe der Regierung, das mit der entsprechenden Versorgung zu beantworten, die die Menschen brauchen. Derzeit gibt es aber überhaupt keine Strategie zum Umgang mit Traumata. Das muss sich ändern.

Ein anderes Projekt, mit dem Sie Pionierarbeit leisten, ist das Virtual Reality Project (VRP), eine Technologie, mit der man 360°-Bilder von abgelegenen Regionen und Konfliktgebieten sehen kann.
Ja, das Projekt wird im Sudan in den Bundesstaaten Südkordofan und Blue Nile durchgeführt. Der Konflikt in Südkordofan hat 2011 begonnen und ist seitdem völlig in Vergessenheit geraten – es gibt so gut wie keine Berichte in internationalen Medien oder politische Bemühungen auf internationaler Ebene. Während unserer Recherchen kam ein Mann zu uns und fragte: Ist das so, weil wir der Welt egal sind? Wir haben das Virtual Reality Project ins Leben gerufen, um das Interesse an dem Konflikt wiederzubeleben. Die neue Technologie wollten wir nutzen, um eine neue, junge Zielgruppe zu erreichen. Virtual Reality gibt einem das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein – selbst in Gegenden, zu denen die Regierung den Zugang blockiert hat. Unser Material zeigt deutlich, dass Dörfer angegriffen werden, auch wenn sich dort keine militärischen Ziele befinden. Wir fordern die Afrikanische Union und die UNO auf, Zivilisten in diesem Konflikt zu schützen. Und vor allem wollen wir die Menschen im Sudan daran erinnern, dass wir sie nicht vergessen haben.