Neun Zivilpersonen wurden bei dem iranischen Raketenangriff auf Israel getötet. © 2026 Getty Images
Neun Zivilpersonen wurden bei dem iranischen Raketenangriff auf Israel getötet. © 2026 Getty Images
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Israel: Iranischer Raketenangriff, bei dem neun Zivilpersonen getötet wurden, muss als Kriegsverbrechen untersucht werden

31. März 2026
  • Angriff im Stadtteil Ramat Lehi zerstört Synagoge von Tiferet Israel
  • Neue Untersuchung zeigt kein militärisches Ziel in der Nähe des Anschlags
  • „Die bei dem Angriff verwendete Waffenart ist äußerst ungenau“, so Erika Guevara-Rosas

Ein Raketenangriff der Islamischen Republik Iran auf die israelische Stadt Beit Shemesh, bei dem neun Zivilpersonen – darunter vier Jugendliche – getötet wurden, muss als Kriegsverbrechen untersucht werden, sagte Amnesty International im Zusammenhang mit einer neuen Untersuchung.

Der Angriff, der am 1. März kurz vor 14 Uhr Ortszeit im Stadtteil Ramat Lehi stattfand, zerstörte die Tiferet-Israel-Synagoge und verursachte erhebliche Schäden an dem darunter liegenden Bunker. Zudem wurden schätzungsweise 46 Menschen verletzt.

Amnesty International hat verifizierte digitale Beweise, die in sozialen Medien gepostet wurden, analysiert sowie Fotos und Videos, die die Organisation am Einschlagsort gesammelt hatte, und festgestellt, dass bei dem Angriff eine iranische ballistische Rakete eingesetzt wurde.

Die Waffe, die bei dem iranischen Angriff auf das israelische Viertel Ramat Lehi eingesetzt wurde, ist äußerst ungenau und trägt einen massiven Sprengkopf, so dass sie für den Einsatz in dicht besiedelten zivilen Gebieten völlig ungeeignet ist.

Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International

Die Recherchen von Amnesty International ergaben keine Hinweise auf legitime militärische Ziele in unmittelbarer Nähe des Angriffs. Das dem Einschlagsort nächstgelegene militärische Ziel scheint ein israelischer Militärstützpunkt in der Nähe der Stadt Sdot Micha zu sein, der sich etwa 3,5 km westlich des Angriffsortes befindet.

Bei diesem Anschlag wurden eine Synagoge und ein Luftschutzbunker zerstört – zwei Orte, die für die Zivilbevölkerung Zuflucht und Sicherheit bieten sollten. Neun Zivilpersonen wurden getötet, darunter vier Minderjährige. Der Angriff muss als Kriegsverbrechen untersucht werden.

Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International

„Der Einsatz einer ballistischen Rakete durch die iranischen Behörden bei diesem Angriff ist wahllos und stellt daher einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar. Ein wahlloser Angriff, bei dem Zivilpersonen getötet, verletzt oder zivile Objekte beschädigt werden, stellt ein Kriegsverbrechen dar. Es muss eine unabhängige und unparteiische Untersuchung durchgeführt werden, und jede Person, für deren Mitverantwortung es genügend Beweise gibt, muss in einem fairen Prozess vor Gericht gestellt werden“, so Erika Guevara-Rosas weiter.

Amnesty International überprüfte Aufnahmen aus den Sozialen Medien, auf der der Raketenbeschuss der Stadt Beit Shemesh zu sehen ist. Die Flugbahn der Rakete und das Ausmaß der Schäden am Ort des Geschehens weisen eher auf den Einsatz einer ballistischen Rakete mit einem großen Sprengkopf hin als auf einen Marschflugkörper oder eine kleinere, von einer Drohne abgefeuerte Rakete. Bilder von der Zerstörung zeigen die zerstörte Synagoge sowie weitreichende Schäden in einem Umkreis von etwa 500 Metern.

Israelische Medien berichteten, dass der verwendete Sprengkopf etwa 500 kg wog. Amnesty International ist bislang nicht in der Lage, die Nutzlast der Waffe zu bestätigen. Eine 2024 durchgeführte Analyse der Genauigkeit iranischer ballistischer Raketen ergab, dass diese ihr Ziel regelmäßig um mindestens einen halben Kilometer verfehlen.

Zwischen dem 16. und 19. März befragte Amnesty International vier Überlebende des Angriffs und eine*n Ersthelfer*in, der*die kurz nach dem Einschlag eintraf. Die Organisation analysierte auch Satellitenbilder des Ortes vor und nach dem Angriff, um das Ausmaß der Zerstörung zu bestätigen.

„Wir sind alle sehr verzweifelt. Wir sind völlig aufgelöst.“

Neun Zivilpersonen wurden bei dem Angriff getötet: die Geschwister Sara Biton, 13 Jahre, Avigail Biton, 15 Jahre, und Yaakov Biton, 17 Jahre, Gabriel Revah, 16 Jahre, Oren Katz, 46 Jahre, Sara Elimelech, 67 Jahre, und ihre Tochter Ronit Elimelech, 45 Jahre, sowie Bruria Cohen, 76 Jahre, und ihr 41-jähriger Sohn Yossi Cohen.

Rabbi Yitzak Biton verlor bei dem Anschlag drei seiner Kinder. Am Morgen des Anschlags hielt er eine Unterrichtsstunde für Thora-Schüler*innen. Seine beiden Töchter Sara und Avigail überredeten seinen Sohn Yaakov, mit ihnen in den nahe gelegenen Luftschutzkeller zu gehen, während er, seine Frau Tamar und seine vierjährige Tochter Rachel in ihrem Haus blieben, das einen Block von der Synagoge entfernt lag.

Die Decke und das Dach [ihres Hauses] stürzten ein... Ich schaute durch das Fenster und sah die Gegend, in der sich die Synagoge befindet. Sie stand in Flammen und der Himmel war voller schwarzer Rauch. Ich hatte Angst, dorthin zu gehen... Als ich den Mut aufbrachte, sah ich, dass die Synagoge völlig zerstört und der Bunker aufgerissen war. Der Bunker war nicht sicher. Er bot keinen Schutz. Ich habe nicht ein, nicht zwei, sondern drei Kinder verloren... Plötzlich, aus heiterem Himmel, ist die Hälfte der Familie weg.

Rabbi Yitzak Biton

Sarah Fanny Amar, 53, befand sich im Luftschutzkeller, als der Anschlag die Synagoge traf. Sie sagte Amnesty International: 

Es gab einen großen Knall... Ich hing über Metall, und Metall lag auf mir. Vor dem Knall saß ich, die Druckwelle hat mich also weggerissen. Um mich herum war alles schwarz und staubig... Die Decke stürzte über mir ein... Ich begann zu gehen, aber ich konnte kaum etwas sehen und tastete mich mit den Händen voran. Ich stieg über Schutt und Menschen... Draußen brannte es... Autos brannten... Ich erreichte Gras und brach dort zusammen. Als ich die Augen öffnete, lag ich in einem Krankenwagen. Mit solchen Bomben möchte man micht mehr leben, nicht mehr schlafen, nicht mehr essen... Ich kann so nicht leben... Selbst im Luftschutzkeller bist du nicht sicher... Ich kannte alle, die getötet wurden.

Sarah Fanny Amar

Nissim Edery, 71, saß mit seinem Nachbarn etwa 100 Meter vom Ort des Anschlags entfernt zusammen. Er berichtete Amnesty International: 

Im Moment der Explosion wurde ich von der Druckwelle 4-5 Meter weit geschleudert... Ich begriff, dass eine Rakete in unserer Nachbarschaft eingeschlagen war... Ich ging auf die Explosion zu, dort war ein riesiges Feuer und Rauch... Es ist unglaublich, welche Zerstörung diese Rakete angerichtet hat. Ich kenne drei der Opfer, einen Buben und seine beiden Schwestern. Es zerreißt mir das Herz... Wir sind alle sehr verzweifelt. Wir sind völlig aufgelöst.

Nissim Edery

Reuven Harow, 56, ist leitender Sanitäter des medizinischen Notfalldienstes Magen David Adom. Er traf etwa 10 Minuten nach dem Raketenangriff am Ort des Geschehens ein. Er berichtete Amnesty International: 

Die Leute kamen blutüberströmt und mit Prellungen heraus... Niemand wusste, wo die Rakete eingeschlagen war, überall war Zerstörung... Körper wurden in Stücke gerissen... Noch Stunden später lagen Leichenteile herum. Das Hauptaugenmerk lag darauf, jede Person zu retten, die noch am Leben war... Die Menschen, die am Unfallort behandelten, verarzteten Familienangehörige und jahrelange Freund*innen. Jede*r kennt hier jede*n... Ich habe immer wieder gesagt: ‚Das ist nicht real‘... Es sah aus, als würde ich einen Film schauen.

Reuven Harow

Hintergrund

Am 28. Februar griffen die USA und Israel gemeinsam den Iran an. Seither wurden Tausende von Angriffen im ganzen Land durchgeführt. Die iranischen Behörden führen Vergeltungsmaßnahmen in der gesamten Region durch. Der bewaffnete Konflikt weitete sich rasch zu Kampfhandlungen im gesamten Nahen und Mittleren Osten aus und führt zu erheblichen Verlusten in der Zivilbevölkerung und zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur. Als Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah hat Israel auch seine Angriffe auf den Libanon verschärft.

Nach Angaben verschiedener Medien setzen die iranischen Streitkräfte seit dem 28. Februar bei mehreren Angriffen in Israel Streumunition ein, darunter am 18. März bei einem Angriff nahe Tel Aviv, bei dem zwei Zivilpersonen getötet wurden. Streumunition ist immer wahllos und ihr Einsatz daher nach dem humanitären Völkerrecht grundsätzlich verboten. Letztes Jahr dokumentierte Amnesty International, dass der Einsatz von Streumunition durch die iranischen Streitkräfte im „12-Tage-Krieg“ mit Israel gegen das humanitäre Völkerrecht verstieß.

Seit dem 27. März sind Berichten zufolge infolge israelischer und US-amerikanischer Angriffe mindestens 1.900 Menschen, darunter mindestens 100 Schulkinder aus Minab in Iran und mehr als 1.116 im Libanon getötet worden. Bei iranischen Angriffen wurden bisher mindestens 16 Zivilpersonen in Israel und vier im besetzten Westjordanland getötet; in anderen Ländern des Golfkooperationsrates in der Region gab es mindestens 23 Tote.

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