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Familienzusammenführung Österreich: Soll das Zusammensein mit der Familie wirklich ein Glücksspiel sein?

8. April 2026 | Von Aimée Stuflesser, Advocacy & Research Officer bei Amnesty International Österreich

Ich denke oft darüber nach, wie schön es wäre, näher bei meiner Familie zu sein. Statt einer 24-stündigen Reise von Tür zu Tür wären drei oder vier Stunden schon viel näher und praktischer, um wieder mit ihnen zusammen zu sein. Aber meine Entscheidung, hier in Österreich zu leben, war eine freie. Ich hätte auch in meinem Heimatland México bleiben können. Aus persönlichen und beruflichen Gründen habe ich mich jedoch entschieden, hier zu sein, auch wenn das bedeutet, weit weg von meiner Familie zu leben. 

Familienzusammenführung beschleunigen

Ganz anderes ist es, wenn jemand nicht freiwillig von seiner Familie getrennt ist, sondern gezwungen war, aus seinem Heimatland zu fliehen. Menschen fliehen vor Verfolgung, Krieg oder Gewalt und suchen Schutz in einem anderen Land, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie keine andere Option mehr haben. Für viele bedeutet das auch, sich von ihrer Familie zu trennen. 

In Österreich warten derzeit sehr viele Schutzberechtigte auf die Möglichkeit, ihre engsten Angehörigen nachzuholen, manche seit Jahren. Gerade in solchen Situationen müssen Staaten alles tun, damit Familien so schnell wie möglich wieder zusammenleben können. 

Foto Aimée
Aimée Stuflesser

Advocacy & Research Officer bei Amnesty International Österreich

Aimée Stuflesser

Advocacy & Research Officer bei Amnesty International Österreich

Aimée Stuflesser ist Asyl-Expertin bei Amnesty International Österreich. Ihre Familie lebt in Mexiko. Durch ihre Ausbildung und Tätigkeiten bei verschiedenen NGOs und Institutionen, unter anderem in Lateinamerika, konnte sie eine multikulturelle Perspektive im Bereich Asyl und Migration entwickeln. 

Foto: Harald Wandl / Amnesty International Österreich

Für längere Zeit von der Familie getrennt zu sein, ist schon schwer genug. Noch schwieriger ist es, wenn nicht klar ist, wann du deine Familie wiedersehen kannst und was in der Zwischenzeit passiert. Viele Menschen, die in Österreich Schutz erhalten, haben Familienmitglieder, die im Herkunftsland weiterhin denselben Gefahren ausgesetzt sind.

Aimée Stuflesser, Advocacy & Research Officer bei Amnesty International Österreich

Die Soziologin Dr. Christine Geserick von der Uni Wien betont, dass Familiennetzwerke wichtig sind und einen besonderen Wert in unserer Gesellschaft haben. Das Getrenntsein von der Familie sei eine starke mentale Belastung. Laut ihr spielen besonders in der ersten Zeit der Trennung Einsamkeit, aber auch Sorgen um die Zurückgebliebenen eine große Rolle.  

Auch Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen von Hilfsorganisationen wie Diakonie Flüchtlingsdienst und Hemayat weisen auf die psychischen Folgen längerer Trennung hin. So beschrieb eine Psychologin sie als gravierenden Stressor, der Bindungssicherheit, Kontrollgefühl und soziale Einbettung untergräbt. Wer in ständiger Sorge um zurückgelassene Familienmitglieder lebt, kann kaum ankommen, geschweige denn sich integrieren. 

Menschenrechte statt Wartelisten

Trotzdem hat die österreichische Regierung die Familienzusammenführung seit Juli 2025 gestoppt. Zusätzlich plant sie, ein Quotensystem einzuführen. Das würde bedeuten: Wenn die vorgesehenen Plätze ausgeschöpft sind, können Familienmitglieder nicht nach Österreich kommen und müssten weiter im Ausland warten. 

Das Zusammensein mit der Familie sollte kein Glückspiel sein. Ob du deine Kinder, Partner*in oder Eltern wiedersehen kannst, darf nicht vom letzten freien Platz in einer Quote abhängen. Und schon gar nicht von politischem Kalkül ohne Rücksicht auf menschenrechtliche Konsequenzen. Familien gehören zusammen. 

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