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Meiner Familie drohte die Abschiebung, aber Bildung gab mir Hoffnung

14. Dezember 2021

Tayebe Abbasi studiert Medizin an der Universität in Trondheim, Norwegen, und arbeitet nebenbei als Kellnerin. Sie ist die Leiterin der norwegisch-afghanischen Organisation Women for Change.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von inews veröffentlicht.

Es bricht mir das Herz, zu sehen, wie viele Afghan*innen auf der ganzen Welt um Asyl ansuchen müssen. Der schockierende Tod von fast 30 Menschen im Ärmelkanal war eine schreckliche Erinnerung an die gefährlichen Situationen, denen die Menschen ausgesetzt sind. Viele, viele mehr werden an den Grenzen zurückgewiesen. Aber das passiert uns Geflüchteten aus Afghanistan und aus anderen Ländern schon seit Jahren. Ich sollte es wissen ... hier ist meine Geschichte.

Es gab eine Zeit, in der mein Foto und meine Worte überall in den norwegischen Medien zu sehen waren. Die Regierung hatte gedroht, meine Familie nach Afghanistan abzuschieben. Wir lebten mit der ständigen Bedrohung, in ein gefährliches Land geschickt zu werden und von dem Ort vertrieben zu werden, den wir seit Jahren unser Zuhause nannten.

Ich bin selbst noch nie in Afghanistan gewesen. Daher war die Aussicht, dorthin geschickt zu werden, für mich besonders beängstigend. Ich wurde im Iran geboren, wohin meine Eltern nach der sowjetischen Invasion geflohen waren, und ich war 13, als meine Familie nach Norwegen zog.

Im Iran konnte ich nicht zur Schule gehen, also stürzte ich mich in Norwegen umso mehr in meine Ausbildung. Ich war so begeistert von der Möglichkeit, lernen zu können. Ich lernte gleichzeitig Norwegisch und Englisch und arbeitete doppelt so hart, um sowohl die Sprache als auch die Kultur kennen zu lernen. Ich wusste, dass ich in Afghanistan nie die Möglichkeit gehabt hätte, so viel zu lernen.

Die Unsicherheit unseres Aufenthaltsstatus hat meine Familie jahrelang belastet, aber meine Priorität war das Lernen. Ich wollte eine ganz normale Schülerin sein. Doch 2017 drohte die norwegische Regierung meiner Familie mit Abschiebung, und ich musste meine Stimme erheben. Ich war überwältigt, dass die ganze Schule hinter uns stand – 2.000 Menschen protestierten. Es war die größte Demonstration, die mein Gymnasium je gesehen hatte. Ich kannte nicht alle von ihnen. Es bewegte mich sehr, dass sie trotzdem kamen und mich und meine Familie unterstützten. Mit meinen Brüdern an meiner Seite stand ich auf und erzählte allen Versammelten, was gerade passierte.

Viele meiner Klassenkameraden bedankten sich bei mir. Sie sagten, sie hätten vor mir noch nie eine geflüchtete Person getroffen und seien dankbar für das, was sie von mir über den Umgang der Politiker*innen mit Geflüchteten gelernt haben.

 

Ich wurde hier immer herzlich empfangen. Aber die Regierung behandelt Geflüchtete, als ob wir etwas falsch gemacht hätten.

Tayebe Abbasi

2019 brachen die norwegischen Behörden in unser Haus ein, legten uns Handschellen an, zwangen uns in ein Flugzeug und versuchten, uns nach Afghanistan zu bringen. Wir kehrten schließlich in der Türkei um, da meine Mutter krank wurde und nicht reisen konnte. Die afghanischen Behörden sagten Norwegen, dass sie mich und meine Brüder nicht ohne einen Erwachsenen aufnehmen würden. Ich war so froh, dass ich nach Hause kommen konnte und dass meine Klassenkamerad*innen für uns protestiert und Organisationen wie Amnesty International sich für uns eingesetzt haben. Aber die Erfahrung war unglaublich traumatisch.

Mit dieser Erfahrung waren ich und meine Familie nicht allein. Die norwegische Regierung hat seit 2012 mehr als 1.700 Menschen nach Afghanistan abgeschoben. Ich frage mich, wie sich die Politiker*innen, die auf diese Abschiebungen gedrängt haben, nach der Machtübernahme durch die Taliban fühlen. Sicherlich wussten sie, dass sie Afghan*innen in die sichere Gefahr zurückschicken?

Jetzt, nach 20 Jahren einer relativen Atempause, unterdrücken die Taliban die Rechte der afghanischen Frauen und Mädchen erneut mit aller Härte. Seit die bewaffnete Gruppe die Macht in Afghanistan übernommen hat, sind Frauen aus dem öffentlichen und politischen Leben fast völlig verschwunden. Frauen werden daran gehindert, auf den Straßen von Kabul und anderen Provinzen zu protestieren, und Mädchen, die die sechste Klasse überschritten haben, dürfen nicht zur Schule gehen. Die vielen Frauen, die in staatlichen Institutionen als Parlamentsabgeordnete, Richterinnen, Staatsanwältinnen, Anwältinnen und Universitätsprofessorinnen tätig waren, fürchten nun unter der Herrschaft der Taliban um ihr Leben.

Das Vereinigte Königreich hat zwar versprochen, ein Neuansiedlungsprogramm zu starten – für Afghan*innen mit besonders hohem Risiko für Verfolgung, wie Menschenrechtsverteidiger*innen und LGBTQI+-Personen. Doch es ist enttäuschend zu sehen, dass die Bemühungen, gefährdeten Afghan*innen zu helfen, nur im Schneckentempo vorankommen. Gleichzeitig versucht das Innenministerium, ein drakonisches Gesetz über "Nationalität und Grenzen" durchzusetzen, das es Menschen, die wie ich vor bewaffneten Konflikten und Verfolgung fliehen, noch schwerer machen würde.

Meine Mutter erzählt mir oft von den schönen Zeiten in Afghanistan und, dass das Land nicht immer so war wie heute. Aber für viele Frauen und Männer in Afghanistan besteht jetzt die einzige Möglichkeit, in Sicherheit zu leben, darin, das Land zu verlassen. Die europäischen Regierungen müssen weiterhin Menschen evakuieren und in Sicherheit bringen. Damit mehr Mädchen die Chance bekommen, eine Ausbildung zu machen, so wie ich es getan habe, und in dem Wissen aufwachsen können, dass sie danach arbeiten und in einer Gesellschaft leben können, die ihre gesellschaftliche Teilhabe und ihre Beiträge wertschätzt.

Als Kabul im August von den Taliban eingenommen wurde, hatte ich gerade mein Studium der Biomedizin an der Universität begonnen. Das war ein so stolzer Moment für mich. Es machte mich traurig, dass die Leute mich bedauerten. Wenn ich erzählte, woher ich kam, sagten sie: "Oh, das tut mir so leid." Ich tue mir nicht leid – als afghanische Frau fühle ich mich stark. Ja, ich habe in meinem Leben viel Schlechtes erlebt, aber ich bin hier und es geht mir gut.

Vor kurzem wurde ich Leiterin der Organisation „Norwegian-Afghan Women for Change“. Ich bin nicht mehr das junge Mädchen, das ich war, als ich nach Norwegen zog. Ich bin eine starke junge Frau, die eine glänzende Zukunft vor sich hat, aber ich werde weiterhin für afghanische Mädchen und Geflüchtete überall auf der Welt kämpfen.

Menschenrechtskrise in Afghanistan

Fordere mit Amnesty, der asylkoordination und weiteren Organisationen, dass jetzt sichere Ausreisemöglichkeiten für Afghan*innen freigehalten werden müssen und die Evakuierung jener, die unmittelbar an Leib und Leben bedroht sind.

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