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20 Taifune pro Jahr: Interview mit der philippinischen Klima-Aktivistin Marinel Ubaldo

6. Dezember 2019

Marinel Sumook Ubaldo (22) war 16 Jahre alt, als der Supertaifun Yolanda ihr Dorf auf der philippinischen Insel Samar völlig zerstörte. Seitdem setzt sie sich für den Klimaschutz ein und organisiert Klima-Streiks.

In deiner Kindheit und Jugend hast du pro Jahr etwa 20 Taifune erlebt. Hast du den Eindruck, dass es in den vergangenen Jahren immer häufiger zu immer schwereren Wetterkatastrophen kommt?

Marinel: Ja. Vor dem Supertaifun Haiyan war der stärkste Taifun, den ich je erlebt hatte, einer der Kategorie 3. Ich ahnte nicht, dass uns jemals ein Taifun der Kategorie 5 treffen würde. Nach dem Supertaifun Haiyan kann ich bestätigen, dass stärkere Taifune immer häufiger auftreten. Gleichzeitig fangen die Menschen an, auch Supertaifune als „normales“ Phänomen wahrzunehmen, wie auch die Taifune der schwächeren Kategorien.

Wann hast du begonnen, die Auswirkungen des Klimawandels auf Communitys wie deine öffentlich anzusprechen?

Marinel: In unseren Communitys und Schulen habe ich habe bereits vor dem Supertaifun Haiyan über die negativen Auswirkungen des Klimawandels gesprochen. Es war mir schon lange sehr wichtig, Informationen über den Klimawandel zu verbreiten. Der Supertaifun Haiyan illustrierte dann sehr deutlich, was die Wissenschaft bereits wusste. Der Kampf gegen den Klimawandel wurde nicht zuletzt durch meine schreckliche Erfahrung mit dem Supertaifun Haiyan zu einem persönlichen Anliegen.

Was hat dich dazu gebracht, dich zu engagieren? Warum wolltest du aktiv werden?

Marinel: Ich habe mich dazu entschlossen, gegen den Klimawandel aktiv zu werden, als ich sah, dass der Ort, den ich meine Heimat nenne und den ich immer wie mein Paradies behandelte, in Gefahr ist. Ich weigere mich, bloß ein Opfer zu sein. Ich möchte für meine Community, meine Familie und meine Zukunft etwas ändern. Ich will einfach nicht hinnehmen, dass stärkere Taifune zum Alltagsphänomen werden. Ich werde den Klimawandel nicht als unveränderbare Tatsache akzeptieren – besonders für uns, die bei jeder Katastrophe am stärksten getroffen werden, ist das wichtig.

Ich möchte nie wieder erleben, was wir während und nach dem Supertaifun Haiyan durchmachen mussten. Ich leide mit meinen Eltern und allen anderen, die ihr Bestes geben, um nach dieser Katastrophe wieder alles aufzubauen. Möglicherweise ist aber alles umsonst, weil der nächste Taifun schon wieder alles zerstört.

Wie wichtig ist es, dass junge Menschen an der Spitze der Kampagne zur Klimagerechtigkeit stehen?

Marinel: Für mich ist es wirklich wichtig, dass Jugendliche gegen den Klimawandel aktiv werden. Wir müssen allen Menschen beweisen, dass uns nicht egal ist, was mit unserem Planeten passiert. Wir müssen der Regierung und unseren Politikern zeigen, dass wir ihnen auf die Finger schauen. Wir wissen, dass ihre Entscheidungen uns am stärksten betreffen und werden uns daher Gehör verschaffen, solange das eben nötig ist. Wir werden auf unserem Recht bestehen, auf einer lebenswerten Erde zu leben.

Die Aktionen der Jugendlichen gegen den Klimawandel zeigen, dass sie sich schlicht weigern, bei Katastrophen bloß hilflose Opfer darzustellen. Das zeigt uns, dass junge Leute mehr beitragen können, als Erwachsene glauben.

Marinel Sumook Ubaldo, Klima-Aktivistin

Die Aktionen der Jugendlichen gegen den Klimawandel zeigen, dass sie sich schlicht weigern, bei Katastrophen bloß hilflose Opfer darzustellen. Das zeigt uns, dass junge Leute mehr beitragen können, als Erwachsene glauben. Wir leben in unberechenbaren Zeiten, in denen wir uns nicht einmal mehr auf das Wetter verlassen können; überall erleben wir Extreme. Ich bin noch jung und muss mich mit Problemen beschäftigen, die die Erwachsenen von heute nicht kannten, als sie in meinem Alter waren.

Wie hast du dich gefühlt, als du dich zum ersten Mal öffentlich für Klimagerechtigkeit ausgesprochen hast?

Marinel: Ich war sehr nervös und hatte Angst, dass mir das Publikum nicht zuhören würde; ich bin schließlich nur ein Mädchen aus einer abgelegenen Region der Insel Samar, die zu den Philippinen gehört. Meinen Heimatort kennt niemand. Aber es war letztendlich sehr erfüllend, endlich zu sagen, was mir schon so lange auf der Zunge lag. Es hat mein Leben verändert und ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Gefühlen und Gedanken endlich Luft machen konnte.

Wie war es für dich, 2018 in London bei der Veranstaltung zum Thema Klimawandelforschung „Climate Change and Human Rights Inquiry“ als Rednerin teilzunehmen?

Marinel: Es war schlimm, wieder an all die schrecklichen Dinge zu denken, die passiert sind. Ich fragte mich selbst: „Warum müssen wir eigentlich immer und immer wieder unsere tragische Lebensgeschichte auspacken, nur damit die Regierung endlich etwas unternimmt und die Unternehmen die Verantwortung für ihre Emissionen übernehmen? Bieten Studien und die Nachrichten nicht genügend Beweise, die sie veranlassen sollten, sofort aktiv zu werden und ihre Geschäftspraktiken zu ändern?“ Andererseits verstehe ich, dass Menschen die realen Lebensgeschichten hören müssen, die von Klimakatastrophen geprägt sind. Ich bin nur traurig, dass es erst zur Katastrophe kommen muss, bevor jemand ernsthaft etwas unternimmt. Es hat mir aber auch viel gegeben, den Todesopfern, Überlebenden und unserer Community einmal mehr eine Stimme zu verleihen.

Jedes Mal wenn ich vor Menschen spreche, zweifle ich an mir selbst. Was mich aber weitermachen lässt, ist das Wissen, dass ich das für meine Familie, meine Nichten und Neffen und meine zukünftigen Kinder tue. Ich komme zwar allein, vertrete aber eine große Community.

Was wünschst du dir von UnterstützerInnen von Amnesty International und warum?

Marinel: Ich hoffe, dass ich Amnesty-UnterstützerInnen mit meiner Geschichte etwas mitgeben kann und dass sie eine Petition an die philippinische Regierung und ihre eigenen Regierungen senden, damit diese proaktive Maßnahmen setzen. Abseits der Petition wünsche ich mir, dass sie sich in Kampagnen und Projekte einbringen, die sich mit dem Klimawandel befassen, oder auf ähnliche Weise aktiv werden. Denn wir brauchen mehr Menschen, die sich für konkrete Ziele einsetzen. Ich hoffe, diese Petition stellt für sie einen geeigneten Ausgangspunkt dar.

Wie schätzt du den Wert der Arbeit von Amnesty International ein?

Marinel: Amnesty International leistet großartige Arbeit, indem die Organisation sicherstellt, dass die Menschenrechte ALLER in allen Lebensbereichen hochgehalten werden. Ich freue mich, dass Amnesty nun auch zu Klimagerechtigkeit arbeitet, da der Klimawandel eine der größten Bedrohungen für die Menschenrechte darstellt. Ihr macht das wirklich toll!

Ein Interview von Amnesty Australien

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