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Türkei: Reise in die Stadt aus Beton

20. September 2017

Nach über zwei Monaten in Haft endlich ein freundliches Gesicht

Idil Eser, die Direktorin der türkischen Amnesty Sektion, befindet sich seit 5. Juli in unrechtmäßiger Haft. Wir fordern ihre sofortige und bedingungslose Freilassung!  Hier berichtet Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International von seinem Treffen mit Idil Eser im Silivri-Gefängnis:

Auf dem Weg konnte ich spüren, wie die bewaffneten Wachposten in den Wachtürmen hoch über mir jeden meiner Schritte verfolgten. Ich befand mich im Hochsicherheitstrakt von Silivri, der Strafvollzugsanstalt mit der höchsten Sicherheitsstufe in der Türkei, um dort meine Kollegin und Freundin Idil Eser zu besuchen.

Idil, die Direktorin von Amnesty International in der Türkei, wurde vor mehr als zwei Monaten zusammen mit neun weiteren Menschenrechtsverteidiger*innen wegen absurder Terrorvorwürfe festgenommen. Es ist unglaublich: Abgesehen von ihren Rechtsbeiständen, die sie jede Woche für eine Stunde sehen dürfen, und einem Parlamentsmitglied war ich der erste, der Idil besuchen durfte.
Da die Bestimmungen des Ausnahmezustands bei Terrorvorwürfen nur Besuche von Angehörigen ersten Grades erlauben und Idil keine lebenden Verwandten mehr hat, ist sie von ihren Freund*innen vollkommen abgeschnitten.

Ich hatte bereits einige Tage zuvor bei meinem Eintreffen in der Türkei versucht, Idil zu besuchen, wurde jedoch an den Gefängnistoren abgewiesen. Nach einem Treffen mit dem türkischen Justizminister Abdülhamit Gül in Ankara, bei dem ich unser Besuchsanliegen erneut vorbrachte, konnte ich sie endlich sehen.

Stadt aus Beton

Von allen Gefängnissen der Welt, die ich gesehen habe, ist Silivri – die größte Strafvollzugsanstalt Europas – bei weitem das hochentwickeltste und einschüchternste. Nachdem ich den imposanten Eingangsbereich passiert hatte und von den höflichen Gefängniswärter*innen einer Leibesvisitation, Metalldetektoren und einem Iris-Scan unterzogen worden war, fand ich mich in einer riesigen Stadt aus Beton wieder. 
Doch trotz seiner Größe – Silivri ist für bis zu 17.000 Häftlinge konzipiert – hat das Durchschreiten des Gefängniskomplexes etwas gespenstisch Einsames. Die bedrückende Stille wird nur unterbrochen durch das gelegentliche metallische Klackern einer zuschlagenden Gefängnistür oder den schrillen Klang der Trillerpfeife einer Wache. 
Die Gebäude aus Beton, in denen Idil inhaftiert ist, sind gelb gestrichen und durch eine hohe Mauer von den anderen Blöcken getrennt. Ich werde ein letztes Mal überprüft und in einen großen, hell erleuchteten Raum ohne Fenster geführt. Kaum habe ich an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz genommen, öffnet sich eine Tür an der anderen Seite. Es ist Idil.

„Es geht mir gut“

Als sie mich erblickt, machen sich Überraschung und Freude auf ihrem Gesicht breit, und in ihren Augen sehe ich das vertraute energische Funkeln. „Salil!“, ruft sie, als sie die beiden Wachen an ihrer Seite hinter sich lässt und mit ausgebreiteten Armen auf mich zuläuft. 
Wir halten uns lange und fest in den Armen, und ich spüre, wie mich die Gefühle überwältigen. „Was für eine Überraschung!“, sagt sie. „Ich wusste, dass du in der Türkei bist und versuchst, mich zu sehen, aber ich hätte nicht gedacht, dass du die Erlaubnis dazu bekommst. Das habe ich für ausgeschlossen gehalten.“

Idil ist die Idil geblieben, die wir kennen und lieben: positiv und immer mit einem Lächeln im Gesicht. „Es geht mir gut“, sagt sie mir strahlend. „Sieht man das nicht? Ich mache Yoga, Sport, lerne Russisch, lese alle möglichen Zeitungen und sorge dafür, dass ich beschäftigt bin.“
Und doch räumt Idil ein, dass die Isolation für sie schwer zu ertragen ist. Zwar teilt sie sich die Zelle mit einer anderen Frau, doch konnte sie bisher nicht mit den anderen festgenommenen Menschenrechtsverteidiger*innen wie Özlem Dalkıran sprechen. „Özlem befindet sich nur drei Türen weiter, aber wenn ich wissen möchte, wie es ihr geht, muss ich in den Zeitungen nach Informationen suchen.“
„Anders als die anderen Gefangenen habe ich kein Recht auf ein Telefongespräch alle zwei Wochen, und ich erhalte auch keine Briefe. Alles, was mir bleibt, sind die Nachrichten, die mir mein Anwalt übermittelt.“

Idil sagt mir, dass durch ihre Zeit hier in Silivri jetzt viel besser nachempfinden kann, was Gefangene durchmachen, und sie hat vor, sich zukünftig noch mehr für die Rechte von Gefangenen einzusetzen.
Ich berichte Idil von dem Treffen mit ihren Freund*innen und davon, dass der Justizminister gegenüber unserer Bitte, ihnen den Besuch bei ihr zu gestatten, da sie keine andere Familie hat, wohlwollend gegenüberzustehen scheint. Außerdem erzähle ich ihr, dass ihre Katzen in guten Händen sind.

„Ich bin bereit, den Preis für meine Entscheidung zu zahlen“

Idil will unbedingt wissen, wie es der türkischen Amnesty-Sektion angesichts ihrer Abwesenheit geht. Sie ist sichtbar stolz, als ich ihr erzähle, dass das Team sich davon nicht unterkriegen lässt und stattdessen – gestärkt durch viel Kaffee und ein ausgeprägtes Unrechtsempfinden – umso motivierter und entschlossener ist.
Unsere Unterhaltung ist so angeregt, dass ich die Umgebung fast ausgeblendet habe und mir durchaus hätte vorstellen können, in einem Café am Taksim-Platz in Istanbul zu sein. Aber dann öffnet sich die Tür und die Wache sagt uns, dass wir noch fünf Minuten haben.
„Sag allen, sie sollen sich keine Sorgen machen“, sagt Idil, als wir uns verabschieden. „Ich bin bereit, den Preis für meine Entscheidung zu zahlen, mich für die Menschenrechte einzusetzen, und ich habe keine Angst. Bisher wurden noch keine aus politischen Gründen Inhaftierte unter vier Monaten aus dem Gefängnis entlassen, und ich bin darauf gefasst, hier ein Jahr zu verbringen. Meine Zeit im Gefängnis hat meinen Willen, für meine Werte einzutreten, noch stärker gemacht. Ich werde keine Kompromisse eingehen.

Als ich aus dem Gefängnis geleitet werde, denke ich darüber nach, dass das empörende Unrecht, das Idil angetan wurde, nur dazu beigetragen hat, sie in ihrer Überzeugung und Willenskraft zu stärken. Ich bin betroffen, denn bisher war ich mir ihrer unglaublichen inneren Stärke nicht bewusst.

Meine Zeit mit ihr macht mir auch mal wieder bewusst, dass Mut ansteckend ist. So hat ihre Stärke auch meine eigene Entschlossenheit bestärkt, nicht nur für ihre, sondern für die Freilassung aller Menschen zu kämpfen, die zu Unrecht in türkischen Gefängnissen sitzen. 
Als ich das Silivri-Gefängnis durch seine imposanten Tore wieder verlasse, wird mir klar, dass der Wind genau richtig steht, um das Marmarameer riechen und sogar das Salz auf den Lippen schmecken zu können. Es ist der Geschmack der Freiheit.

Salil Shetty ist der Generalsekretär von Amnesty International. Der Kommentar erschien ursprünglich im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek.com am 15. September.