Loading...
© Steve Bell

news

Journalist*innen in der Türkei unter Druck

4. Mai 2017

„Ihr könnt ihnen helfen – so wie ihr uns geholfen habt“

Peter Greste und Mohamed Fahmy saßen in Ägypten hunderte Tage im Gefängnis, weil sie ihre Arbeit gemacht haben. Nun unterstützen die Journalisten die Kampagne #FreeTurkeyMedia. Ein Kommentar

Das Schlimmste im Gefängnis ist die psychische Belastung. Die Haftbedingungen können schlimm sein, aber solange du Nahrung, sauberes Wasser und ein Bett hast, kannst du körperlich überleben. Aber es ist das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und die Isolation, die dich seelisch zermürben können. Oft mit fatalen Konsequenzen.

Wir wurden 2013 in Ägypten festgenommen, wo wir als Journalisten für Al Jazeera tätig waren. In Verbindung mit unserer Arbeit wurden zahlreiche politisch motivierte Vorwürfe gegen uns erhoben. Als wir in diesen kalten, schmutzigen Zellen saßen, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde, war es schwierig, optimistisch zu bleiben. Uns hat es daher unglaublichen Auftrieb gegeben, als wir wenige Monate nach unserer Festnahme erfuhren, dass eine globale Kampagne für unsere Freilassung gestartet worden war.

Die Kampagne #FreeAJStaff erinnerte uns daran, dass man uns nicht vergessen hatte. Sie machte uns aber auch bewusst, dass wir Teil einer größeren Sache waren. Das half uns, die langen Tage im Gefängnis zu überstehen. Das gab uns in den düstersten Momenten neue Kraft. Und, was am wichtigsten war: Letztlich trug die Kampagne dazu bei, dass wir aus der Haft entlassen wurden.

„Wir müssen diese Kraft noch einmal mobilisieren“

Auf der ganzen Welt hatten sich unzählige Menschen gemeinsam für unsere Freiheit eingesetzt, weil sie empört darüber waren, welches Unrecht uns angetan wurde. Sie sahen, dass wir auf Grundlage konstruierter Anschuldigungen inhaftiert waren, und machten sich gemeinsam für uns stark. Und es funktionierte.

Jetzt müssen wir diese Kraft dringend noch einmal mobilisieren.

In der Türkei spielen sich gerade tragische Szenen ab. Unabhängiger Journalismus wird dort systematisch ausgeschaltet. Redaktionen werden geschlossen, Gefängnistüren zugeschlagen. Eine geradezu gespenstische Stille hat sich über die ehemals dynamische und vielfältige türkische Medienlandschaft gelegt.

Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 geht Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit einer solchen Härte gegen die Meinungsfreiheit vor, dass unabhängiger Journalismus so gut wie gar nicht mehr existiert. Mindestens 156 Medien wurden geschlossen; etwa 2.500 Journalist*innen sowie andere Medienschaffende haben ihre Arbeit verloren. Yonca Şık, Ehefrau des Investigativjournalisten Ahmet, der sich seit Dezember 2016 in Untersuchungshaft befindet, sagt: „Ahmets Inhaftierung ist eine Warnung an andere: Erhebt ruhig eure Stimme, wenn ihr euch traut!“

Das aggressive Vorgehen gegen den unabhängigen Journalismus in der Türkei ist schwer zu ertragen. Was uns persönlich am meisten beschäftigt, ist das Schicksal der mehr als 120 Medienschaffenden, die nach dem Putschversuch festgenommen wurden und seitdem im Gefängnis sitzen.

Langes Warten unter entsetzlichen Bedingungen

Nach unserer eigenen Festnahme in Ägypten waren wir zunächst geschockt und dachten, es sei alles ein schrecklicher Fehler, der bald korrigiert werden würde. Nie hätten wir geglaubt, dass wir hunderte Tage im Gefängnis verbringen würden, wo wir unter entsetzlichen Bedingungen auf unser Gerichtsverfahren warten mussten.

Die ägyptischen Gefängnisse waren voll mit Menschen, die sich gegen die Regierung ausgesprochen oder Kritik geäußert hatten. Wir können uns nur zu gut vorstellen, wie es sein muss, jetzt in einem türkischen Gefängnis zu sitzen – und wie sich unsere Kollegen fühlen müssen.

In Ägypten wurden wir entweder in Zellen gesteckt, die so überfüllt waren, dass wir uns noch nicht einmal hinsetzen konnten, oder wir wurden in Einzelhaft gehalten, wo wir oft Angst hatten, den Verstand zu verlieren. Die Einsamkeit und Langeweile lassen sich nur schwer beschreiben.

Auch wenn die Situation der in der Türkei inhaftierten Journalist*innen nicht dieselbe ist wie unsere in Ägypten, verstehen wir doch ihre Verzweiflung und ihre Frustration. Was die Lage in der Türkei ganz besonders widerwärtig macht, ist die Tatsache, dass die dortige Regierung nach wie vor abstreitet, Journalist*innen aufgrund ihrer Arbeit zu inhaftieren. Die persönlichen Schicksale und Identitäten dieser Menschen werden einfach ausgelöscht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns von außen für sie einsetzen.

#FreeAJStaff begann als eine kleine Twitter-Aktion, die sich in nur wenigen Wochen in eine globale Bewegung verwandelte. Die sozialen Medien hatten sich perfekt dafür geeignet, dass sich die Bewegung schnell immer weiter verbreitete und auf eine Sache aufmerksam machte, die anderenfalls hätte unterdrückt werden können.

„Wir wussten, dass Menschen an uns denken“

In den dunkelsten Stunden unserer Haft – als sich der Kampf gegen die Maschinerie der Ungerechtigkeit besonders hoffnungslos anfühlte; als wir vergessen hatten, wie ein Sonnenuntergang aussah – fühlte es sich manchmal so an, als hätten wir aufgehört zu existieren. Es wäre leicht gewesen, sich dem Schicksal zu ergeben. Doch wir wussten, dass es Menschen gab, die an uns dachten. Und das hat uns immer wieder Hoffnung gegeben.

Weil wir wissen, wie wichtig diese Kampagne in Zeiten der Not für uns war, unterstützen wir die #FreeTurkeyMedia-Kampagne. Wir möchten, dass alle Journalist*innen, die sich in der Türkei im Gefängnis befinden, wissen, dass wir auf ihrer Seite stehen. Sie sollen wissen, dass die Tage und Wochen, die sie hinter Gittern verbringen, nicht vergebens sind – egal wie trostlos, egal wie beängstigend.

Sie stehen für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein: für das Recht der Öffentlichkeit auf Information und für die Bedeutung einer freien Presse in einer funktionierenden Gesellschaft – und zwar nicht nur in der Türkei, sondern auf der ganzen Welt.

Manchmal erkennt man die Bedeutung einer Sache erst, wenn sie einem weggenommen wird. Doch eines steht fest: Eine Gesellschaft, in der Menschen nicht das Recht haben, frei zu berichten, ist eine Gesellschaft in Gefahr. Ohne unabhängigen Journalismus könnten wir nicht öffentlich frei diskutieren. Wir könnten die Mächtigen nicht zur Verantwortung ziehen. Wir könnten Menschenrechtsverstöße nicht verhindern oder untersuchen.

Recht auf freie Meinung ist nicht verhandelbar

Wenn Journalisten inhaftiert werden, hat das eine abschreckende Wirkung auf alle anderen. Es geht #FreeTurkeyMedia darum, Medienschaffende aus dem Gefängnis zu holen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, für die Menschenrechte in der Türkei einzutreten und der ganzen Welt klar zu machen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht verhandelbar ist.

Wir haben über 400 Tage in ägyptischer Haft in der Gewissheit überstanden, dass sich Menschen auf der ganzen Welt für unsere Freilassung einsetzten. Damals war es wichtig, im Rahmen der #FreeAJStaff-Kampagne unsere Freilassung zu fordern. Jetzt ist es wichtig, dass wir uns für all die Journalisten einsetzen, die nur deshalb in Haft sind, weil sie ihre Arbeit gemacht haben. Deshalb unterstützen wir die Aktion #FreeTurkeyMedia.

Peter Greste und Mohamed Fahmy befanden sich von Dezember 2013 bis März 2016 mehrere hundert Tage in ägyptischer Haft. Beide Autoren leben heute in Kanada. Peter Greste ist freier Journalist. Mohamed Fahmy arbeitet als Kolumnist beim Toronto Star und als freier Journalist.