
IHRE SPENDE ZÄHLT
Presseaussendung / Nicaragua:
Das Schweigen brechen
Neuer Amnesty-Bericht: Nicaragua musss gegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch von Mädchen vorgehen
Täter in der Familie
Gewalt in der Familie und sexueller Missbrauch von Frauen und Mädchen sind in Nicaragua immer noch Tabuthemen. Es gibt kein Gesetz, das körperliche Züchtigung verbietet; das Familienleben gilt als Privatsache. Die Betroffenen trauen sich nicht, über Vergewaltigung zu sprechen. Frauen und Mädchen, die um Hilfe bitten, werden bedroht und ausgestoßen. Werden sie schwanger und möchten die Schwangerschaft nicht fortführen, droht ihnen Gefängnis. Hilfe für Vergewaltigungsopfer, die Mütter werden, gibt es kaum.
In einem neuen Bericht dokumentiert Amnesty International zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November das erschreckende Ausmaß sexueller Gewalt in Nicaragua. Zwei Drittel der Opfer sind unter 17 Jahre alt, 90 Prozent der Täter sind Familienangehörige. Zu 14.000 polizeibekannten Vergewaltigungen zwischen 1998 und 2008 kommt eine ungleich höhere Dunkelziffer, weil sexuelle Gewalt weiterhin ein Tabu ist und zumeist in der Familie stattfindet. Die Regierung unterhält keine Programme, die öffentlich sexuelle Gewalt thematisieren und die soziale Stigmatisierung zu durchbrechen versuchen.
Stilles Leid
„Es ist ein stilles Leiden, denn das Schweigen zu brechen, bedeutet für die Mädchen oft, auf Ablehnung zu stoßen“, sagt Amnestys Nicaragua-Expertin Esther Major. „Die Behörden müssen jetzt den gleichen Mut beweisen, wie jene tapferen Überlebenden sexuellen Missbrauchs, die mit uns gesprochen haben. Sie müssen dem Schweigen und der sexuellen Gewalt ein Ende setzen.“
Der Bericht Listen to their Voice and Act: Stop the Rape and Sexual Abuse of Girls in Nicaragua (engl., 42 S.) zeigt, wie Opfer sexueller Gewalt in Nicaragua gebrandmarkt werden. Wenn Frauen und Mädchen den Mut finden, über den Missbrauch zu sprechen, stoßen sie auf Polizisten, Strafverfolger und Richter, die sich nicht an nationale Regeln und internationale Verpflichtungen halten, wie mit Missbrauchsopfern umzugehen ist. Das derzeit geltende vollständige Abtreibungsverbot bedeutet für die betroffenen Frauen und Mädchen, ihre Schwangerschaft auch im Falle lebensbedrohlicher Umstände fortsetzen zu müssen. Ärzten sind die Hände gebunden.
Niemals die Schuld des Opfers
Amnesty fordert die Regierung von Nicaragua auf, sicherzustellen, dass die erlebte Gewalt nicht das gesamte restliche Leben der Opfer bestimmt. „Die Regierung muss ein klares Zeichen senden, dass sexuelle Gewalt niemals die Schuld des Opfers ist, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden und dass den Opfern die Hilfe zukommt, die sie benötigen“, fordert Major.

- Zwei Drittel der Opfer sexueller Gewalt in Nicaragua sind unter 17 Jahre alt.
Hintergrund
Armut und Gewalt
Nicaragua gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Von fünf Millionen Menschen in dem streng katholischen Land leben 2,3 Millionen unter der Armutsgrenze. Am schlimmsten betroffen sind Kinder. Eines von drei Kindern leidet unter Mangelernährung. Von drei schulpflichtigen Kindern geht eines gar nicht in die Schule, und nur eines schließt eine Schulausbildung ab. Drei von zehn Kindern müssen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Armut und Hoffnungslosigkeit sind ein idealer Nährboden für Gewalt: Insbesondere sexuelle Gewalt erfahren viele Kinder in der Familie.
Jegliche Abtreibung verboten
Mit Blick auf die absehbaren Folgen für die medizinische Betreuung hatten 21 ärztliche Organisationen vor Beschluss des absoluten Abtreibungsverbots Ende 2006 dagegen protestiert. Auch das Anti-Folter-Komitee der UNO hat das Gesetz kritisiert. Eine Beschwerde ist seit über einem Jahr beim Obersten Gerichtshof anhängig. Das totale gesetzliche Verbot bedeutet nicht, dass keine Abtreibungen mehr stattfinden, sondern dass Abtreibungen unter riskanten Umständen durchgeführt werden. Es geht zudem einher mit einer erhöhten Müttersterblichkeit.
Im Oktober 2010 brachte der UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes seine Sorge über „den hohen Grad der Vernachlässigung und des Missbrauchs von Kindern, einschließlich sexuellen Missbrauchs und familiärer sowie geschlechtsrollenbedingter Gewalt“ zum Ausdruck und forderte zudem die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.
Zwei Drittel der Opfer unter 17
Zwei Drittel der Opfer sexueller Gewalt in Nicaragua sind unter 17 Jahre alt. Für den aktuellen Bericht hat Amnesty International seit 2008 mit 130 Betroffenen gesprochen, darunter 35 Vergewaltigungsopfer zwischen zehn und 20 Jahren, zehn Mütter von Missbrauchsopfern sowie Regierungsvertreter, Abgeordnete, Experten und Polizistinnen.
Maria*, 17, aus Managua: „Mein eigener Vater hat mich jahrelang vergewaltigt. Als er damit begann, war ich ungefähr neun, und es hörte erst auf, als ich 14 war. Ich war oft starr vor Angst – er war so gewalttätig. Er hat uns alle geschlagen, mit dem Gürtel, oder einfach mit der Hand. Ein grausamer Mann.“
Connie* war erst 14, als sie schwanger wurde. Ihr Vater hatte sie jahrelang vergewaltigt. Connies Schwangerschaft deckte den Inzest auf. Daraufhin zeigte sie ihren Vater bei den Behörden an. Als die Polizei das Haus durchsuchte, schluckte der Vater eine tödliche Dosis Medikamente. Im Sterben bat er Connie um Verzeihung. Anstatt ihr zu helfen, behandelte die ganze Familie das Mädchen wie eine Aussätzige. Sie wurde eingeschüchtert und beschimpft. „Ich konnte nur mehr weinen. Die ganze Familie kritisierte und beschimpfte mich. Ich hätte meinen Vater verführt, meiner Mutter den Mann weggenommen und Schande über sie gebracht. Nach dem Selbstmord meines Vaters haben sie mich aus dem Haus gejagt und sprechen bis heute nicht mehr mit mir.“
Estefany* wurde mit 17 vergewaltigt und schwanger. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes 2008 sagte sie: “Was mir passiert ist, hat all meine Träume und Hoffnungen zerstört – ich wollte einer Arbeit nachgehen, aber ich verbringe den ganzen Tag daheim und sehe nach dem Baby.“ Zwei Jahre später erzählte sie, sie habe keinerlei staatliche Hilfe bekommen, weder Arbeit noch eine Ausbildung. Den Unterricht in Managua müsse sie bezahlen. „Die einzige Hilfe bekam ich von einer NGO.“ Trotzdem sagt Estefany: „Es ist manchmal schwer, den Glauben zu behalten. Aber ja, ich glaube, ich habe eine Zukunft.“
*alle Namen geändert


