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Artikel/Bericht / Nigeria:

Amnesty-Gast vor Abreise nach Wien von Polizei zusammengeschlagen

MR-VerteidigerInnen, Zwangsräumung

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Freitag, 9. April 2010

"Es ist schockierend, dass selbst ein prominenter Menschenrechtsverteidiger und Aktivist jederzeit ohne Angabe von Gründen von der nigerianischen Polizei verhaftet und offenbar misshandelt werden kann. Wir erwarten entsprechende Aufklärungsschritte. (...) Wir bewundern, dass Celestine AkpoBari der Einladung von Amnesty International nach Europa trotz der von einem Wiener Arzt heute dokumentierten Verletzungen gefolgt ist und hier über seine Anliegen sprechen möchte." (Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International in Österreich)

"Auf alles gefasst" - Harter Kampf für Menschenrechte in Nigeria

Von Michael Anheier/APA


Wien. "Ich fürchte mich vor gar nichts. Von dem Tag an, an dem du dich dem Staat entgegenstellst, musst du auf alles gefasst sein. Du weißt bloß nicht, wann und wie es passieren wird." Celestine Akpobari weiß, wovon er spricht: Dass der nigerianische Menschenrechtsaktivist in einem Wiener Kaffeehaus mit einem österreichischen Journalisten sprechen kann, bedeutet nur, dass er noch einmal davongekommen ist: Von Amnesty International eingeladen, wird er am Wochenende auf der jährlichen Mitgliederversammlung über seinen jahrzehntelangen Kampf gegen die Unterdrückung seines Volkes durch eine Allianz korrupter Behörden und profitorientierter Ölmultis berichten. Zufall oder nicht: Kurz vor seinem Abflug wurde er von nigerianischen Polizisten noch krankenhausreif geprügelt.

"Wir führen von einem abendlichen Treffen in das Stadtzentrum von Port Harcourt", erzählt der 36-Jährige vergleichsweise gelassen. Die Hafenstadt im Nigerdelta erlangte traurige Berühmtheit, als dort 1995 der Schriftsteller und Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa und acht weitere Angeklagte nach einem spektakulären Schauprozess hingerichtet wurden. Sie hatten sich gegen die Ausbeutung und Zerstörung ihrer Umwelt durch die exzessive Ölförderung gewehrt und für die Autonomie ihres Volkes, der Ogoni, gekämpft. Anliegen, die auch Celestine Akpobari schon in jungen Jahren in Opposition zum jeweils herrschenden Regime gebracht haben.

Und die ihn jeden Tag Kopf und Kragen kosten können: "Unser Wagen wurde plötzlich von einem Polizeijeep zum Halten gezwungen, wir wurden aus dem Wagen gezerrt und sollten ohne irgendeine Begründung in das Polizeifahrzeug umsteigen. Als ich mich wehrte, hielten mich vier Polizisten fest und schlugen wie wild mit den Griffen ihrer Waffen auf mich ein." Die Blutergüsse sind auch nach Tagen noch beeindruckend. Solcherart mit Gewalt auf eine Polizeiwache geschleppt, sollten die Aktivisten gerade zum Ausziehen gezwungen werden, als ihre Anwälte ihnen zu Hilfe kamen. "Die hatten wir zum Glück, bevor sie uns die Handys abgenommen haben, noch per SMS alarmieren können."

Amnesty ist entsprechend froh, dass Akpobari es noch geschafft hat, auszureisen: "Wir bewundern, dass er der Einladung trotz der von einem Wiener Arzt heute dokumentierten Verletzungen gefolgt ist und hier über seine Anliegen sprechen möchte", meint Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International in Österreich. "Es ist schockierend, dass selbst ein prominenter Menschenrechtsverteidiger und Aktivist jederzeit ohne Angabe von Gründen von der nigerianischen Polizei verhaftet und offenbar misshandelt werden kann."

Akpobari stammt aus dem verarmten, aber ölreichen Nigerdelta. Gleich nach der Schule begann er auf einer Palmenplantage zu arbeiten, um sich sein Studium zu finanzieren. Bereits dort engagierte er sich für die Rechte der Arbeiter und zwang letztlich die korrupte Geschäftsführung zum Abtreten. In den 90er Jahren lernte er Ken Saro-Wiwa kennen und kämpfte an seiner Seite gegen das damalige Militärregime und den Ölmulti Shell für Mit- und Selbstbestimmungrechte der Ogoni und die demokratische Kontrolle der Ölressourcen und Finanzflüsse.

Saro-Wiwa kostete dieser Kampf das Leben, Akpobari sieht seinen Lebensinhalt darin, ihn mit friedlichen und demokratischen Mitteln weiterzuführen. Neben dem Einsatz für die Emanzipation des Ogoni-Volkes bringt er auch tausende Menschen auf die Straßen, um friedlich gegen die Vertreibung von Bewohnern ganzer Stadtviertel zum Zweck der Errichtung von Geschäfts- und Freizeitzentren zu protestieren. Auch wenn er sich keine Illusionen über den Großteil seiner Widersacher aufseiten des Staates macht: "Sie sind völlig amoralisch, alles was sie interessiert, sind ihre eigenen Taschen. Aber uns können sie nicht bestechen. Und es gibt nichts, was sie tun können, um mich zum Schweigen zu bringen."

Das wird sich vermutlich am 18. Mai wieder zeigen: Da wird Celestine Akpobari an der Generalversammlung von Shell in den Niederlanden teilnehmen. Erst im Vorjahr hat sich der Ölmulti nach über einem Jahrzehnt der Rechtsstreite zu Millionenentschädigungen an die Opfer der Ölausbeutung im Niger-Delta bereiterklärt.

Aktiv gegen Zwangsräumungen in Port Harcourt.
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